Erotische Geschichten

Die Oase der Verdammten – Die Smaragdkönigin Nurophea

Die Sonne brannte erbarmungslos auf die endlosen Sanddünen herab. Seit zwei Tagen hatte Nashid keinen Tropfen Wasser mehr getrunken. Seine Lippen waren aufgesprungen, seine Zunge klebte am Gaumen und jeder Atemzug schmerzte in seiner ausgedörrten Kehle. Seine Füße waren wund gelaufen, und die sengende Hitze hatte ihm längst den letzten Rest seiner Kräfte geraubt.

Dabei hatte seine Reise so vielversprechend begonnen.

Vor einigen Tagen war er mit seinen Kamelen zum großen Markt von Al’Rashim aufgebrochen. Er hatte gute Geschäfte gemacht und sämtliche Tiere zu einem anständigen Preis verkaufen können. Mit dem Geld wollte er seine Familie für die kommenden Monate versorgen. Getreide, Öl, Datteln und neue Kleidung für die Kinder standen auf seiner Einkaufsliste. Und vielleicht würde sogar noch etwas übrig bleiben, um seiner geliebten Samira das silberne Armband zu schenken, das sie sich schon so lange wünschte.

Doch auf dem Rückweg hatten ihn Wegelagerer überfallen.

Die Männer waren plötzlich zwischen den Dünen aufgetaucht, hatten ihn von seinem letzten Kamel gerissen und mit Knüppeln niedergeschlagen. Als Nashid wieder zu sich gekommen war, waren sie verschwunden. Mit ihnen sein Kamel, sämtliche Vorräte und das ganze Geld, für das er so hart gearbeitet hatte.

Zunächst hatte er versucht, den Weg zurück zum Markt zu finden. Doch ein aufkommender Wind hatte die Spuren verweht, und bald wusste er nicht mehr, in welcher Richtung Al’Rashim lag.

Nun war er allein.

Ohne Wasser, ohne Nahrung und ohne die geringste Hoffnung, rechtzeitig eine Siedlung zu erreichen.

Nashid stolperte, fiel auf die Knie und versuchte, sich wieder aufzurichten. Seine Arme zitterten. Er schaffte es nicht.

„Samira …“, flüsterte er mit rauer Stimme.

Vor seinem inneren Auge sah er seine Frau. Wie sie vor ihrem Haus saß, während die Kinder lachend im Sand spielten. Wie sie den Kopf hob, sobald sie seine Schritte hörte, und ihm mit diesem warmen Lächeln entgegenblickte, das er so sehr liebte.

Er musste nach Hause.

Er durfte sie nicht allein lassen.

Mit letzter Kraft zog er seinen Körper über den Sand. Seine Finger gruben sich in die heißen Körner, seine Knie schmerzten und immer wieder verschwamm die Welt vor seinen Augen.

Irgendwann blieb er liegen.

Er hatte keine Kraft mehr.

Da spürte er plötzlich einen kühlen Luftzug auf seinem Gesicht.

Nashid öffnete mühsam die Augen.

Vor ihm erhoben sich Palmen.

Hohe, prächtige Dattelpalmen mit sattgrünen Wedeln, die sich sanft im Wind bewegten. Dahinter schimmerten goldene Kuppeln, und zwischen blühenden Sträuchern glitzerten kleine Wasserläufe im Sonnenlicht.

Er blinzelte.

Das konnte nicht sein.

Noch vor wenigen Augenblicken hatte sich vor ihm nichts als endloser Sand erstreckt.

Doch nun hörte er das leise Plätschern von Wasser. Ein süßer Duft nach Jasmin und fremdartigen Blüten lag in der Luft, und irgendwo erklang das helle Lachen einer Frau.

„Hilfe …“, brachte er hervor.

Seine Stimme war kaum zu hören.

Er versuchte, sich aufzurichten, doch seine Arme gaben nach.

Dann sah er, wie sich zwischen den Palmen mehrere Gestalten näherten.

Frauen in leichten, farbenprächtigen Gewändern eilten auf ihn zu.

„Dort liegt jemand!“

„Oh, der arme Mann!“

„Schnell, holt Wasser!“

Nashid spürte, wie jemand seinen Kopf anhob. Eine kühle Hand strich über seine Stirn.

„Du bist in Sicherheit“, sagte eine sanfte Stimme. „Hab keine Angst.“

Er wollte antworten.

Doch die Dunkelheit umfing ihn bereits.


Als Nashid erwachte, lag er auf einer weichen Liege in einem geräumigen Zelt. Kostbare Teppiche bedeckten den Boden, seidene Vorhänge teilten den Raum und durch die geöffneten Zeltbahnen fiel warmes Sonnenlicht herein.

Neben ihm saß eine junge Frau mit dunklem Haar und großen braunen Augen.

Als sie bemerkte, dass er wach war, strahlte sie.

„Seht nur! Unser Gast ist endlich aufgewacht!“

Sofort erschienen zwei weitere Frauen.

„Wie schön! Wir haben uns schon solche Sorgen gemacht!“

„Du armer Mann! Du musst ja schreckliche Tage hinter dir haben!“

Eine der Frauen schob ihm vorsichtig ein Kissen unter den Kopf, während eine andere ihm eine silberne Schale an die Lippen hielt.

„Hier, trink. Aber schön langsam.“

Das Wasser war kühl und schmeckte köstlicher als alles, was Nashid jemals getrunken hatte.

„Wo … bin ich?“, fragte er schließlich.

„In der Oase unserer Herrin“, erklärte die junge Frau.

„Eurer Herrin?“

„Nurophea, die Smaragdkönigin.“

Bei der Erwähnung des Namens lächelten die Frauen einander an.

„Sie wird sich freuen, dass es dir besser geht.“

„Aber vorher kümmern wir uns um dich!“, verkündete die Jüngste und rümpfte spielerisch die Nase. „Du bist ja von oben bis unten voller Sand!“

Die anderen kicherten.

Nashid musste trotz seiner Erschöpfung lächeln.

Die Frauen waren so fröhlich und unbeschwert, dass ihre gute Laune beinahe ansteckend wirkte.

Sie halfen ihm vorsichtig auf die Beine und führten ihn in ein benachbartes Zelt. Dort befand sich ein großes, in den Boden eingelassenes Badebecken, dessen Wasser mit duftenden Blütenblättern bedeckt war. Kleine goldene Schalen enthielten wohlriechende Öle und Seifen.

„Ein schönes Bad wird dir guttun“, versprach eine der Dienerinnen.

Sie halfen ihm, seine zerschlissene Kleidung abzulegen, und ließen ihn in das angenehm warme Wasser gleiten.

Nashid schloss erleichtert die Augen.

Das Wasser umschmeichelte seine schmerzenden Glieder. Die Frauen wuschen ihm behutsam den Sand aus den Haaren, reichten ihm frisches Trinkwasser und unterhielten sich dabei fröhlich miteinander.

Immer wieder erklang ihr helles Kichern, als flatterte ein ganzer Schwarm kleiner Täubchen durch das Zelt.

„Wie bist du eigentlich in unsere Gegend gekommen?“, fragte eine der Frauen, während sie ihm frisches Wasser über die Schultern goss.

Nashid öffnete die Augen.

„Ich war auf dem Markt in Al’Rashim.“

„Oh, dem großen Kamelmarkt?“

„Ja. Ich habe dort meine Tiere verkauft.“

Er hielt inne.

Was war danach geschehen?

Er erinnerte sich an Männer zwischen den Dünen. An einen Schlag gegen seinen Kopf. An Schmerzen und heißen Sand.

Doch die Bilder waren verschwommen und unangenehm. Er schob sie beiseite.

„Und nun bist du hier!“, sagte die junge Frau fröhlich. „Was für ein Glück!“

Nashid lächelte.

Ja, er hatte wirklich Glück gehabt.

Als er schließlich das Bad verließ, warteten frische Gewänder auf ihn. Eine leichte Hose, eine weiche Tunika und ein mit goldenen Fäden bestickter Überwurf.

„Jetzt siehst du schon ganz anders aus!“, freute sich eine der Frauen.

„Unsere Herrin wird begeistert sein!“

Nashid betrachtete sich zufrieden in einem großen polierten Silberspiegel.

Noch nie in seinem Leben hatte man ihn derart umsorgt.


Im Gästezelt erwartete ihn ein reich gedeckter Tisch.

Gebratenes Lammfleisch, duftender Reis, frisches Fladenbrot, Datteln, Feigen und Granatäpfel standen in kunstvoll verzierten Schalen bereit. Dazu gab es kühlen Fruchtsaft und Wasser aus silbernen Krügen.

Nashid aß mit großem Appetit.

Die Dienerinnen brachten ihm immer neue Köstlichkeiten, erkundigten sich nach seinem Befinden und lachten vergnügt über seine ehrliche Begeisterung.

„Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken soll“, sagte er schließlich.

„Ach, Unsinn!“, erwiderte eine von ihnen. „Unsere Herrin liebt es, Gäste zu empfangen.“

„Und heute Abend wirst du sie kennenlernen!“, ergänzte eine andere.

Nashid nickte erfreut.

Er fragte sich, was für eine Frau wohl an einem so wundervollen Ort herrschte.

Während er ein Stück süßen Dattelkuchens aß, fiel sein Blick auf einen kleinen goldenen Armreif am Handgelenk einer Dienerin.

Für einen Augenblick hatte er das seltsame Gefühl, etwas vergessen zu haben.

Irgendetwas mit einem Schmuckstück.

Doch dann wurde ihm frischer Fruchtsaft eingeschenkt, und der Gedanke verflüchtigte sich.

Als er satt war, führten ihn die Frauen zu einer breiten Liege, die mit weichen Kissen und seidenen Decken bedeckt war.

„Ruh dich noch ein wenig aus“, sagte die älteste Dienerin. „Unsere Herrin wird dich bald besuchen.“

Nashid ließ sich nieder.

Er betrachtete die kunstvollen Stickereien der Kissen, lauschte dem leisen Plätschern des Wassers und genoss die angenehme Kühle des Zeltes.

Draußen sangen Vögel.

Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so zufrieden gewesen war.

Irgendwo in seinem Hinterkopf regte sich der Gedanke, dass er eigentlich noch etwas zu erledigen hatte.

Eine Reise vielleicht?

Doch wohin sollte er reisen?

Er war doch bereits an einem so wunderschönen Ort.

Nashid schloss die Augen und lächelte.


Ein leises Rascheln ließ ihn aufblicken.

Die Zeltbahnen teilten sich.

Und Nurophea trat ein.

Nashid vergaß für einen Augenblick zu atmen.

Noch nie hatte er eine so wunderschöne Frau gesehen.

Ihr langes, rötlich braunes Haar fiel in weichen Wellen über ihre Schultern. Ihre Haut schimmerte golden im warmen Licht der Laternen, und ihre großen grünen Augen betrachteten ihn mit einem sanften, beinahe zärtlichen Ausdruck.

Sie trug ein prachtvolles Gewand aus smaragdgrüner Seide, das ihre üppigen Rundungen umschmeichelte. Goldene Ketten schmückten ihren Hals, schwere Armreifen glänzten an ihren Handgelenken und auf ihrer Stirn funkelte ein kostbarer grüner Edelstein.

Ihr Gesicht war von einer Schönheit, die Nashid kaum begreifen konnte.

„Willkommen in meiner Oase“, sagte sie mit einer weichen, melodischen Stimme.

Nashid erhob sich hastig.

„Herrin …“

Nurophea lächelte.

„Bitte, bleib sitzen. Meine Dienerinnen haben mir erzählt, dass du eine schwere Reise hinter dir hast.“

Sie kam näher und ließ sich neben ihm auf der Liege nieder.

Ein zarter Duft nach Jasmin umgab sie.

„Geht es dir inzwischen besser?“

„Viel besser, Herrin. Ich weiß gar nicht, wie ich Euch für Eure Gastfreundschaft danken soll.“

„Dann tu es nicht.“

Sie lachte leise.

„Es genügt mir, dass du dich wohlfühlst.“

Nashid lächelte verlegen.

Nurophea nahm eine kleine Schale mit kandierten Früchten vom Tisch und hielt sie ihm hin.

„Magst du etwas Süßes?“

Er nahm ein Stück.

„Vielen Dank.“

„Du bist sehr höflich, Nashid.“

Sie betrachtete ihn mit einem warmen Lächeln.

„Aber du brauchst in meiner Gegenwart nicht so förmlich zu sein.“

„Wie Ihr wünscht.“

Nurophea lachte.

„Schon wieder!“

Nashid musste ebenfalls lachen.

„Verzeiht … Nurophea.“

„Viel besser.“

Sie rückte ein wenig näher.

Ihre grünen Augen schienen im Licht der Laternen zu leuchten.

Nashid konnte den Blick kaum von ihr abwenden.

Noch nie hatte ihn die Anwesenheit eines Menschen so sehr gefesselt. Jede ihrer Bewegungen erschien ihm anmutig, jedes Lächeln bezaubernd. Selbst wenn sie nur nach ihrem Becher griff, folgten seine Augen wie von selbst ihren Händen.

„Du bist so still geworden“, bemerkte sie.

„Ich …“

Er suchte nach Worten.

„Ich habe noch nie eine Frau wie Euch gesehen.“

Nurophea senkte lächelnd den Blick.

„Das ist ein schönes Kompliment.“

Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr.

„Erzähl mir etwas von dir, Nashid.“

Er überlegte.

„Ich bin Kamelhändler.“

„Ein schöner Beruf. Du musst viel von der Welt gesehen haben.“

„Ein wenig.“

„Und reist du gern?“

Nashid wollte antworten.

Doch plötzlich fiel ihm auf, dass er sich kaum an seine letzte Reise erinnerte.

Er wusste, dass er auf einem Markt gewesen war. Er sah die Tiere vor sich, hörte das Stimmengewirr der Händler und erinnerte sich an das Klirren der Münzen.

Aber weshalb war er eigentlich aufgebrochen?

Er runzelte die Stirn.

Nurophea legte sanft ihre Hand auf seinen Arm.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“

Nashid blickte auf.

Ihre Augen waren so wunderschön.

„Nein“, antwortete er und lächelte. „Alles ist gut.“

Und tatsächlich fühlte er sich wunderbar.

Nurophea erzählte ihm von den Gärten ihrer Oase, von seltenen Blumen und den süßen Früchten, die dort wuchsen. Nashid lauschte ihrer Stimme, ohne jedes Wort wirklich aufzunehmen.

Er betrachtete ihre Lippen, wenn sie sprach.

Das warme Licht auf ihrer Haut.

Die Art, wie sich ihre Augen beim Lächeln leicht verengten.

Irgendwann bemerkte er, dass er ihre Hand hielt.

Er wusste nicht mehr, wer von ihnen zuerst danach gegriffen hatte.

Nurophea schien es nicht zu stören.

Sie strich mit dem Daumen sanft über seine Finger.

„Du hast schöne Hände“, sagte sie leise.

Nashid lachte verlegen.

„Sie sind rau von der Arbeit.“

„Das macht sie nicht weniger schön.“

Sie hob seine Hand und betrachtete sie aufmerksam.

„Starke Hände.“

Ihre Finger glitten über seine Handfläche.

Nashid spürte ein angenehmes Kribbeln.

Nurophea ließ seine Hand nicht los.

„Gefällt es dir hier?“, fragte sie.

„Sehr.“

„Dann bleib doch noch ein wenig.“

Nashid nickte.

Warum auch nicht?

Er hatte es schließlich nicht eilig.

Oder doch?

Für einen flüchtigen Augenblick meinte er, das Lachen eines Kindes zu hören.

Er wandte den Kopf.

Doch draußen rauschten nur die Palmen.

„Was ist?“, fragte Nurophea.

„Nichts.“

Er sah sie wieder an.

Und der seltsame Gedanke war verschwunden.

Nurophea lächelte.

Sie rückte näher, bis ihre Schulter die seine berührte.

Nashid spürte die Wärme ihres Körpers.

Er hätte stundenlang so sitzen können.

Sie unterhielten sich weiter, doch Nashid wusste später nicht mehr, worüber sie gesprochen hatten. Er erinnerte sich nur an ihre Stimme, an ihr Lächeln und an das Gefühl, dass es auf der ganzen Welt keinen schöneren Ort geben konnte als diesen.

Schließlich hob Nurophea die Hand und strich ihm sanft über die Wange.

Nashid hielt den Atem an.

Sie war so nah.

Ihre grünen Augen ruhten auf seinen Lippen.

„Nashid“, flüsterte sie.

Er beugte sich unwillkürlich ein wenig zu ihr.

Nurophea lächelte.

Dann schloss sie langsam die Augen.

Nashid hob die Hand an ihr Gesicht.

Und küsste sie.


Ihre Lippen waren weich und warm.

Ein süßer, berauschender Duft stieg ihm in die Nase. Die Welt um ihn herum schien zu verschwinden, als hätte jemand einen schweren Vorhang zwischen ihn und alles andere gezogen.

Er hörte weder das Plätschern der Wasserbecken noch das Rascheln der Palmen vor dem Zelt.

Es gab nur Nurophea.

Ihre Arme legten sich um seinen Hals, ihre Finger glitten durch sein Haar und zogen ihn näher zu sich.

Nashid erwiderte ihren Kuss.

Er wollte nichts anderes mehr.

Doch plötzlich hörte er ein Lachen.

Nicht Nuropheas Lachen.

Ein anderes.

Hell, warm und so vertraut, dass es ihm einen schmerzhaften Stich versetzte.

Vor seinem inneren Auge erschien eine Frau.

Sie saß im goldenen Wüstensand vor einem kleinen Haus, während zwei Kinder lachend um sie herumtollten. Eines der Kinder warf sich in ihre Arme, das andere versuchte, ihr einen kleinen Käfer auf die Schulter zu setzen.

Die Frau lachte, schüttelte den Kopf und fing den kleinen Unruhestifter ein.

Dann blickte sie auf.

Direkt zu ihm.

Ihre dunklen Augen strahlten.

„Nashid! Komm doch zu uns!“

Samira.

Seine geliebte Samira.

Der Name löste sich wie ein verzweifelter Seufzer von seinen Lippen.

„Samira …“

Und mit einem Mal war alles wieder da.

Seine Frau.

Seine Kinder.

Der Kamelmarkt.

Das verlorene Geld.

Die Wegelagerer.

Die endlosen Stunden in der Wüste.

Nashid erschrak.

Wie hatte er das alles vergessen können?

Wie hatte er seine geliebte Frau, seine Kinder und sein ganzes Leben einfach aus seinen Gedanken verlieren können?

Im selben Augenblick veränderte sich etwas.

Der süße Duft nach Jasmin wurde faulig.

Die Wärme auf seinen Lippen verwandelte sich in eine widerwärtige, schleimige Kälte.

Nashid riss die Augen auf.

Und sah.

Nur für einen einzigen Herzschlag.

Das wunderschöne Gesicht Nuropheas war verschwunden.

Ihre goldene Haut hing grau und rissig über einem entstellten Schädel. Wo eben noch sinnliche Lippen gewesen waren, klaffte ein schwarzer, viel zu breiter Mund, in dem unzählige spitze Zähne glänzten. Ihre smaragdgrünen Augen waren zu tiefen, dunklen Höhlen geworden, aus denen ihn etwas ansah, das niemals menschlich gewesen war.

Und aus ihrem geöffneten Mund wand sich eine lange, schwarze Zunge auf sein Gesicht zu.

Nashid schrie.

Mit aller Kraft stieß er Nurophea von sich.

Sie taumelte zurück.

Im nächsten Augenblick war sie wieder die wunderschöne Smaragdkönigin.

Ihre Augen weiteten sich erschrocken.

„Nashid? Was ist denn?“

Er wich zurück.

Sein Herz hämmerte so heftig, dass er glaubte, es müsse ihm die Brust zerreißen.

„Du … du …“

Nurophea streckte die Hand nach ihm aus.

„Komm zu mir. Du hast dich nur erschrocken.“

Ihre Stimme war wieder sanft und melodisch.

Für einen winzigen Moment spürte Nashid erneut das verführerische Ziehen, das ihn zu ihr hinüberlockte.

Doch dann sah er Samiras Gesicht vor sich.

Und der Bann zerbrach.

„Fass mich nicht an!“

Nuropheas Lächeln verschwand.

Nashid stolperte rückwärts, stieß gegen einen niedrigen Tisch und riss einen goldenen Krug zu Boden.

„WEICHE VON MIR, DU SAAT DES BÖSEN!“

Für einen Moment herrschte vollkommene Stille.

Dann veränderte sich Nuropheas Gesicht.

Nicht ihre Gestalt.

Nur ihr Ausdruck.

Die Zärtlichkeit verschwand aus ihren Augen. Ihre schönen Lippen verzogen sich zu einem Ausdruck abgrundtiefen Hasses.

„Du undankbarer Wurm!“, zischte sie.

Ihre Stimme klang plötzlich rau und tief.

Nashid wandte sich um und rannte.

Er stürzte durch die Zeltöffnung, stolperte über einen Teppich und fing sich gerade noch ab.

Draußen standen die Dienerinnen.

Sie lachten nicht mehr.

„HALTET IHN!“, kreischte Nurophea hinter ihm.

Die Frauen sprangen auf Nashid zu.

Eine griff nach seinem Arm, doch er riss sich los. Eine andere versuchte, ihm den Weg zu versperren. Er sprang zur Seite, stieß sie mit der Schulter fort und rannte weiter.

„Bleib stehen!“

„Du darfst nicht gehen!“

Ihre Stimmen überschlugen sich zu schrillem Geschrei.

Nashid lief zwischen den Palmen hindurch, vorbei an den glitzernden Wasserbecken und den goldenen Laternen.

Hinter ihm ertönte ein wütendes Kreischen.

„NASHID!“

Er wagte nicht, sich umzudrehen.

„DU WIRST ELENDIG STERBEN!“

Nuropheas Stimme hallte über die gesamte Oase.

Die Dienerinnen schrien, ihre Schritte kamen näher.

Nashid rannte, so schnell seine erschöpften Beine ihn trugen.

Vor ihm lag die Wüste.

Endlose Dünen.

Dunkelheit.

Der sichere Tod.

Doch er zögerte nicht.

Mit einem letzten verzweifelten Satz sprang er über einen schmalen Wasserlauf, stolperte durch die letzten Sträucher und stürzte hinaus auf den Sand.

„LIEBER STERBE ICH IN DER WÜSTE, ALS HIER GEFANGEN ZU SEIN!“

Er rannte weiter.

Hinter ihm ertönte ein letzter, ohrenbetäubender Schrei.

Dann wurde es still.


Nashid lief, bis seine Lungen brannten.

Er lief, bis seine Beine nachgaben.

Er lief, bis er schließlich auf die Knie fiel und keuchend im Sand liegen blieb.

Lange wagte er nicht, sich umzudrehen.

Als er es schließlich tat, sah er nichts.

Keine Palmen.

Keine goldenen Kuppeln.

Keine Wasserbecken.

Nicht einmal einen Lichtschein.

Hinter ihm lag nur die Wüste, deren Dünen sich im silbrigen Mondlicht bis zum Horizont erstreckten.

Nashid begann zu zittern.

Er wusste nicht, wie lange er dort lag.

Irgendwann drehte er sich auf den Rücken und blickte zu den Sternen hinauf.

„Samira …“, flüsterte er.

Er dachte an seine Frau.

An ihre warmen Hände, ihr Lachen und die Art, wie sie manchmal im Schlaf nach ihm griff, um sich zu vergewissern, dass er noch neben ihr lag.

Er dachte an seine Kinder.

An die Geschenke, die er ihnen hatte mitbringen wollen.

An das verlorene Geld.

Und plötzlich erschien ihm all das so unendlich unwichtig.

Er hatte seine Familie beinahe vergessen.

Nicht, weil er sie nicht mehr liebte.

Sondern weil ihm jemand die Erinnerung an sie genommen hatte.

Tränen liefen über seine staubigen Wangen.

„Samira … ich komme nach Hause.“

Der Wind strich sanft über die Dünen.

Nashid schloss die Augen.

Er hatte kein Wasser.

Keine Nahrung.

Kein Kamel.

Und keine Ahnung, wo er sich befand.

Doch als er die Hand auf seine Brust legte, spürte er sein Herz schlagen.

Noch lebte er.

Und solange er lebte, würde er versuchen, nach Hause zu kommen.


Als die Sonne über den Dünen aufging, entdeckten drei Händler einen Mann, der halb bewusstlos im Sand lag.

Seine Kleidung war kostbar, doch seine Füße waren wund gelaufen. Seine Lippen waren ausgetrocknet und seine Hände blutig.

Die Händler gaben ihm vorsichtig Wasser und hoben ihn auf eines ihrer Kamele.

Als er endlich wieder sprechen konnte, erzählte er ihnen von der Oase.

Von den Palmen.

Von den freundlichen Dienerinnen.

Und von der wunderschönen Smaragdkönigin Nurophea.

Die Männer hörten schweigend zu.

Erst als Nashid geendet hatte, wechselten sie beunruhigte Blicke.

Der älteste von ihnen, ein Mann mit einem langen grauen Bart, beugte sich zu ihm.

„Sag mir, Fremder … hat sie dich geküsst?“

Nashid erstarrte.

„Ja.“

Der Alte schloss die Augen.

Lange sagte er nichts.

Dann blickte er hinaus in die Wüste.

„Dann hast du großes Glück gehabt.“

„Ihr kennt sie?“

Der Händler nickte langsam.

„Man erzählt sich von einer Oase, die auf keiner Karte verzeichnet ist. Sie erscheint jenen, die in der Wüste verloren sind. Menschen, die dem Tod bereits ins Auge geblickt haben.“

Er hielt inne.

„Die Beduinen nennen sie die Oase der Verdammten.“

Nashid schluckte.

„Und die Smaragdkönigin?“

Der Alte sah ihn an.

„Ich habe noch nie jemanden getroffen, der sie gesehen hat und anschließend davon erzählen konnte.“

Eine Weile ritten sie schweigend weiter.

Dann fragte Nashid leise:

„Was geschieht mit denen, die dortbleiben?“

Der Händler antwortete nicht.

Vielleicht wusste er es nicht.

Vielleicht wollte er es nicht wissen.

Am Abend erreichten sie einen kleinen Handelsplatz. Von dort aus würde Nashid den Weg in sein Heimatdorf finden.

Als er sich von den Männern verabschiedete, griff der alte Händler noch einmal nach seinem Arm.

„Vergiss niemals, wer auf dich wartet.“

Nashid nickte.

Dann machte er sich auf den Heimweg.


Weit entfernt, an einem Ort, den kein Wanderer hätte finden können, saß Nurophea auf einem Diwan aus grüner Seide.

Ihre Dienerinnen hatten die umgestürzten Krüge aufgerichtet und die verstreuten Kissen wieder an ihren Platz gelegt.

Eine der jungen Frauen kniete vor ihr.

„Herrin, sollen wir nach ihm suchen?“

Nurophea betrachtete schweigend den goldenen Becher in ihrer Hand.

Dann schüttelte sie langsam den Kopf.

„Nein.“

Die Dienerin verneigte sich.

„Wie Ihr wünscht.“

Nurophea hob den Blick.

Ihre smaragdgrünen Augen glänzten im Licht der Laternen.

„Bringt frische Blumen“, sagte sie sanft. „Und lasst das Bad vorbereiten.“

Die Dienerinnen lächelten und eilten davon.

Draußen bewegten sich die Palmen im warmen Abendwind.

Das Wasser plätscherte leise in den Becken.

Und irgendwo, weit draußen zwischen den Dünen, schleppte sich ein einsamer Wanderer durch den Sand.

Er war durstig.

Er war erschöpft.

Und als er plötzlich den süßen Duft von Jasmin wahrnahm, hob er verwundert den Kopf.

Vor ihm erhoben sich goldene Kuppeln.

Die Oase der Verdammten hatte ihren nächsten Gast gefunden.

Bildhinweis: Die Bilder zu dieser Geschichte wurden mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt.

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