Manche Sehnsucht überlebt den Menschen, dem sie gilt. Und manchmal wäre es besser, sie ruhen zu lassen.
Die erste Kerze zündete sie für seine Augen an.
Die zweite für seine Stimme.
Bei der dritten musste sie lächeln, weil ihr einfiel, wie ungeschickt er gewesen war, wenn er versuchte, ihr die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Ein Mann, der mit einer einzigen Bewegung einen Menschen töten konnte, hatte es nie geschafft, eine widerspenstige Locke hinter ihr Ohr zu schieben, ohne sich dabei in ihren Ohrringen zu verfangen.
Sie hatte ihn dafür ausgelacht.
Und er hatte sie geküsst, bis sie vergessen hatte, weshalb.
Die vierte Kerze brannte für diesen Kuss.
Bei der fünften hörte sie auf zu zählen.
Die Gruft roch nach kaltem Stein, altem Wachs und den weißen Rosen, die sie mitgebracht hatte.
Es war ein eigentümlicher Ort für ein Wiedersehen.
Noch eigentümlicher war allerdings, dass sie sich nicht sicher war, ob sie überhaupt eines wollte.
Sie trug ein schwarzes Kleid aus schwerer Spitze. Eines, das sie vor vielen Jahren gekauft und nie angezogen hatte. Der Ausschnitt ließ ihre Schultern frei, und unter dem Stoff schmiegte sich Seide an ihre Haut.
Sie hatte lange vor dem Spiegel gestanden.
Nicht, weil sie jünger aussehen wollte.
Sondern weil sie sich plötzlich wieder daran erinnerte, wie es gewesen war, von ihm angesehen zu werden.
Lucien hatte eine besondere Art gehabt, sie zu betrachten.
Nicht wie Männer, deren Blicke über einen Körper wanderten und dabei entschieden, welche Teile ihnen gefielen.
Er hatte sie angesehen, als gäbe es an ihr etwas, das er noch nicht kannte, obwohl er längst jeden Zentimeter ihrer Haut berührt hatte.
Manchmal hatte sie ihn dabei ertappt, wie er sie mitten in einem Gespräch betrachtete.
»Was ist?«, hatte sie gefragt.
»Nichts.«
»Du starrst.«
»Ich weiß.«
Und wenn sie weiterfragte, hatte er nur gelächelt.
Erst viel später hatte sie verstanden, dass es Augenblicke gegeben hatte, in denen er sich ihr Gesicht einprägte.
Als hätte er gewusst, dass er es eines Tages nur noch in seiner Erinnerung besitzen würde.
Sie setzte sich auf den Rand des Sarkophags.
Der Marmor war kalt, selbst durch ihr Kleid hindurch.
Unter ihren Fingern verlief eine feine Rille im Stein. Sie folgte ihr bis zu einer Stelle, an der eine winzige Beschädigung zu spüren war.
Die kannte sie.
Vor zehn Jahren hatte sie dort ihren Ehering gegen den Marmor geschlagen.
Immer wieder.
Bis der Ring verbogen war und ihre Hand blutete.
Damals hatte sie geglaubt, Schmerz müsse sich irgendwie erschöpfen lassen. Wenn man nur lange genug weinte, schrie oder etwas zerstörte, müsste irgendwann nichts mehr davon übrig sein.
Eine erstaunlich dumme Hoffnung.
Der Schmerz hatte sich nicht erschöpft.
Er hatte lediglich seine Gestalt verändert.
Anfangs war er überall gewesen. In ihrem Bett, an ihrem Esstisch, in der Stille zwischen zwei Liedern. Sie hatte manchmal mitten in der Nacht nach ihm gegriffen und erst beim Berühren des leeren Lakens begriffen, dass er nicht mehr da war.
Später hatte sie gelernt, allein einzuschlafen.
Sie hatte wieder gelacht. Freunde getroffen. Sich sogar noch einmal verliebt.
Es war ein guter Mann gewesen.
Warmherzig. Geduldig. Lebendig.
Er hatte ihr morgens Kaffee gebracht und sie an kalten Tagen in seine Arme gezogen. Mit ihm hätte sie glücklich werden können.
Vielleicht war sie es eine Zeit lang sogar gewesen.
Aber eines Abends hatte er sie gefragt, weshalb sie manchmal so traurig aussah, wenn er sie küsste.
Sie hatte keine Antwort gefunden, die ihn nicht verletzt hätte.
Sie trennten sich wenige Wochen später.
Seitdem hatte sie niemanden mehr so nah an sich herangelassen.
Nicht aus Treue zu einem Toten.
Sondern weil sie es leid gewesen war, einen lebenden Menschen mit einer Erinnerung konkurrieren zu lassen.
»Du hättest nicht kommen sollen.«
Die Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
Sie erstarrte.
Zehn Jahre.
Zehn Jahre hatte sie sich danach gesehnt, diese Stimme noch einmal zu hören.
Sie hatte versucht, sie sich vorzustellen. Hatte alte Aufnahmen abgespielt, bis sie jedes Wort auswendig kannte. Manchmal hatte sie Angst gehabt, irgendwann nicht mehr zu wissen, wie er ihren Namen ausgesprochen hatte.
Und nun war er da.
Nicht als Erinnerung.
Nicht in einem Traum.
Sondern tief unter ihr, hinter einer schweren Platte aus schwarzem Marmor.
Sie schloss die Augen.
»Ich weiß.«
Lange geschah nichts.
Dann hörte sie ein leises Geräusch.
Es klang, als würde jemand mit den Fingerspitzen über die Innenseite eines Sarges streichen.
»Wie hast du es herausgefunden?«
Sie blickte auf den versiegelten Deckel.
»Dein Bruder.«
Stille.
»Adrien lebt noch?«
»Er hat länger durchgehalten, als du erwartet hast.«
»Was hat er dir erzählt?«
»Genug.«
»Dann geh.«
Sie hätte wütend werden können.
Früher hätte sie es vielleicht getan.
Aber die Stimme, die aus dem Stein drang, klang nicht befehlend.
Sie klang erschöpft.
Unendlich erschöpft.
Und sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, wie viel es ihn kostete, sie fortzuschicken.
»Ich habe dich begraben, Lucien.«
Ein leises Einatmen.
»Ich weiß.«
»Ich habe an deinem Grab gesessen, bis meine Beine taub waren. Ich habe mit dir gesprochen. Dich angeschrien. Dir Dinge erzählt, die ich niemandem sonst erzählen konnte.«
Ihre Finger krampften sich um die Marmorkante.
»Und du hast mich gehört.«
Keine Antwort.
»Jedes verdammte Wort.«
»Ja.«
Sie senkte den Kopf.
Seltsam.
Sie hatte gedacht, diese Erkenntnis würde sie rasend machen.
Stattdessen fühlte sie sich plötzlich wieder wie die Frau, die vor zehn Jahren neben diesem Sarg zusammengebrochen war.
»Warum hast du nie geantwortet?«
Es dauerte lange, bis er sprach.
»Weil du sonst geblieben wärst.«
Sie erinnerte sich an ihre letzte gemeinsame Nacht.
Nicht an den Streit, den sie am Abend gehabt hatten. Der war längst unwichtig geworden.
Sie erinnerte sich an das Schlafzimmer.
An den Regen, der gegen die Fensterscheiben schlug.
An Lucien, der hinter ihr stand und langsam die Knöpfe ihres Kleides öffnete.
Er hatte nichts gesagt.
Seine Lippen berührten ihren Nacken, dann ihre Schulter.
Sie hatte den Kopf zurückgelegt und die Augen geschlossen.
Es gab Berührungen, die nicht nur die Haut erreichten.
Lucien hatte gewusst, wie man ihr mit einer einzigen Bewegung das Gefühl geben konnte, begehrt zu werden, ohne etwas von ihr zu verlangen.
Seine Hände waren kalt gewesen.
Sie hatte sie festgehalten und gegen ihre Brust gedrückt.
»Bleib heute Nacht bei mir.«
»Ich bin doch hier.«
»Nein. Wirklich hier.«
Er hatte seine Stirn an ihre Schläfe gelegt.
»Ich versuche es.«
Das war seine letzte Lüge gewesen.
Am Morgen hatte sie ihn gefunden.
Auf dem Boden der Bibliothek.
Seine Haut war grau gewesen, die Augen geschlossen. Aus seinem Mund war ein dünner Streifen dunklen Blutes gelaufen.
Adrien hatte ihr erklärt, dass Lucien tot sei.
Endgültig.
Sie hatte es geglaubt.
Weil es Dinge gab, die selbst Vampire töten konnten.
Und weil Lucien noch nie so still gewesen war.
»Adrien hat mir erzählt, was in jener Nacht passiert ist«, sagte sie.
Unter ihr bewegte sich etwas.
»Dann weißt du, warum ich hier bin.«
»Ich weiß, dass du drei Menschen getötet hast.«
»Vier.«
Sie schluckte.
»Adrien sagte drei.«
»Er hat den Jungen nicht mitgezählt.«
Die Kerzen flackerten.
Sie betrachtete ihre Hände.
Es waren dieselben Hände, die Lucien früher gehalten hatte. Die über seinen Rücken geglitten waren, während er sie küsste. Die sein Gesicht berührt hatten, wenn er nach einer langen Nacht mit einem Ausdruck zu ihr zurückgekehrt war, den sie nie ganz verstanden hatte.
»Wie alt war er?«
»Neunzehn.«
Sie schloss die Augen.
»Warum?«
»Weil ich hungrig war.«
Die Antwort traf sie härter als jede Rechtfertigung.
Kein Fluch.
Keine dunkle Macht, die ihn gesteuert hatte.
Kein edles Opfer, hinter dem er sich verstecken konnte.
Hunger.
»Du hattest mir versprochen, dass du niemanden mehr tötest.«
»Ich weiß.«
»Du hast mir geschworen, dass du gelernt hast, damit zu leben.«
»Ich habe es geglaubt.«
Sie starrte in die Flammen.
»Und was ist passiert?«
Eine lange Pause.
»Du warst schwanger.«
Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Sie hatte das Kind in der elften Woche verloren.
Sie hatte Lucien nie gesagt, wie sehr sie sich schon auf dieses kleine Leben gefreut hatte. Wie sie heimlich Namen aufgeschrieben und sich vorgestellt hatte, ob das Kind seine Augen bekommen würde.
Nach der Fehlgeburt hatte er sie tagelang kaum aus den Augen gelassen.
Er hatte sie gehalten, wenn sie weinte.
Hatte sich zu ihr gelegt, obwohl er wusste, dass seine kalte Haut ihr manchmal unangenehm war.
Sie hatte geglaubt, er trauere genauso wie sie.
»Was hat das mit den Toten zu tun?«
»Dein Blut hatte sich verändert.«
Sie runzelte die Stirn.
»Was?«
»Während der Schwangerschaft. Ich konnte es riechen. Und nach dem Verlust …«
Seine Stimme brach ab.
»Sag es.«
»Ich wollte dich.«
Sie schloss die Augen.
»Das weiß ich.«
»Nein.«
Ein raues Geräusch drang aus dem Sarg.
»Nicht so, wie du glaubst.«
Sie saß vollkommen still.
Langsam begriff sie.
All die Nächte, in denen er sie so fest an sich gezogen hatte.
Die Augenblicke, in denen seine Lippen an ihrem Hals verweilt hatten und er sich plötzlich von ihr löste.
Sein seltsames Schweigen.
Seine zunehmende Unruhe.
»Du hattest Hunger auf mein Blut.«
»Ja.«
Sie spürte Übelkeit aufsteigen.
»Und die Menschen?«
»Ich habe versucht, den Hunger von dir fernzuhalten.«
»Indem du andere getötet hast.«
»Ja.«
Sie wollte ihn hassen.
Vielleicht tat sie es in diesem Augenblick sogar.
Aber unter dem Hass lag etwas, das viel schwerer auszuhalten war.
Die Erinnerung daran, wie sehr sie ihn geliebt hatte.
Und wie sehr sie ihn noch immer liebte.
»Du hättest es mir sagen müssen.«
»Ich hätte gehen müssen.«
»Ja.«
Das Wort fiel zwischen sie wie ein Stein.
Sie hatte zehn Jahre gebraucht, um es aussprechen zu können.

»Warum bist du hier eingeschlossen?«
»Weil ich nicht mehr sicher war, ob ich dich verschonen würde.«
Sie fuhr mit den Fingerspitzen über die steinerne Rose auf dem Sarkophag.
»Und Adrien?«
»Er hat mir geholfen. Ich habe ihn darum gebeten.«
»Kannst du heraus?«
»Nicht allein.«
Sie sah zu den Kerzen.
»Aber ich könnte dich befreien.«
»Ja.«
Ein leises Geräusch drang aus der Tiefe.
»Deshalb wollte ich nicht, dass du erfährst, wo ich bin.«
Sie stand auf.
Ging langsam zwischen den Kerzen hindurch.
Ihre Absätze klangen auf dem Stein wie das Ticken einer Uhr.
»Weißt du, was das Schlimmste ist?«
»Nein.«
»Dass ich dich trotzdem berühren möchte.«
Ihre Stimme zitterte.
»Ich möchte deine Hände auf meiner Haut spüren. Ich möchte, dass du mich ansiehst, wie du mich früher angesehen hast. Ich möchte mich noch einmal an dich schmiegen und für einen einzigen Augenblick glauben, dass alles wieder gut werden kann.«
Sie blieb stehen.
»Und gleichzeitig weiß ich, dass vier Menschen tot sind, weil du deinen Hunger nicht beherrschen konntest.«
»Ich weiß.«
»Wie soll ich damit leben?«
»Ich habe keine Antwort darauf.«
Sie lachte leise.
Ohne Freude.
»Du hattest früher auf alles eine Antwort.«
»Früher habe ich dir vieles verschwiegen.«
Sie setzte sich wieder auf den Sarkophag.
»Ich habe dich so sehr vermisst.«
Das Geständnis kam kaum hörbar über ihre Lippen.
»Manchmal habe ich mir gewünscht, einfach einzuschlafen und von dir zu träumen. Nicht, weil ich sterben wollte. Sondern weil ich dich dort wenigstens noch einmal sehen konnte.«
Unter ihr blieb es still.
»Ich habe dich auch vermisst«, sagte er schließlich.
»Dann erzähl mir davon.«
Und Lucien erzählte.
Von den ersten Wochen in der Dunkelheit.
Von dem Hunger, der ihn beinahe wahnsinnig gemacht hatte.
Von den Nächten, in denen sie oben an seinem Grab gesessen und ihm aus Büchern vorgelesen hatte, weil sie wusste, wie sehr er Geschichten liebte.
Von ihrem Weinen.
Von ihrem Lachen.
Von dem Abend, an dem sie ihm erzählt hatte, dass sie einen anderen Mann kennengelernt hatte.
»Ich war eifersüchtig«, gestand er.
Sie lächelte traurig.
»Er war gut zu mir.«
»Das habe ich gehört.«
»Du hättest ihn gemocht.«
»Vermutlich hätte ich ihn gehasst.«
Zum ersten Mal an diesem Abend musste sie wirklich lächeln.
Dann erzählte er von dem Tag, an dem sie nicht mehr gekommen war.
Und von den Monaten danach.
»Ich dachte, du wärst endlich glücklich.«
Sie strich über den Marmor.
»Ich war nicht unglücklich.«
»Das ist nicht dasselbe.«
»Nein.«
Sie schwiegen.
Zum ersten Mal fühlte sich die Stille zwischen ihnen nicht leer an.
Die Kerzen waren weit heruntergebrannt.
Sie wusste nicht, wie viele Stunden vergangen waren.
Irgendwann legte sie sich auf die Seite, zog die Beine leicht an und bettete ihre Wange auf die verschränkten Hände.
Genau über der Stelle, an der sie seinen Kopf vermutete.
»Lucien?«
»Ja, meine Liebe?«
Diese zwei Worte.
Meine Liebe.
Sie hatte sie seit zehn Jahren nicht mehr gehört.
Und plötzlich liefen ihr Tränen über die Wangen.
Nicht laut.
Nicht verzweifelt.
Einfach nur Tränen.
»Ich weiß nicht, was ich tun soll.«
Lange antwortete er nicht.
Dann sagte er:
»Du musst heute Nacht nichts entscheiden.«
Sie schloss die Augen.
»Ich habe solche Angst, dich wieder zu verlieren.«
»Du hast mich bereits verloren.«
»Nein.«
Ihre Hand glitt über den Stein.
»Nicht ganz.«
Als die ersten blassen Streifen des Morgens durch die schmalen Fenster der Gruft fielen, waren fast alle Kerzen erloschen.
Sie hatte kaum geschlafen.
Lucien hatte ihr Geschichten erzählt.
Von einem Meer, das er vor dreihundert Jahren gesehen hatte. Von einer Stadt, die längst nicht mehr existierte. Von seiner Mutter, deren Gesicht er vergessen hatte, deren Stimme ihm aber manchmal noch im Traum begegnete.
Und sie hatte ihm von ihrem Leben erzählt.
Von kleinen Freuden.
Von Enttäuschungen.
Von Tagen, an denen sie überhaupt nicht an ihn gedacht hatte.
Er hatte darüber gelacht.
Und sie hatte begriffen, dass es möglich war, jemanden zu lieben, ohne jede Minute seines Lebens an ihn zu verlieren.
Als die Sonne höher stieg, richtete sie sich auf.
»Ich muss gehen.«
»Ich weiß.«
Sie strich ihr Kleid glatt.
Nahm ihre Tasche.
Ging bis zur Tür.
Dort blieb sie stehen.
»Lucien?«
»Ja?«
»Ich komme wieder.«
Ein leises Geräusch drang aus dem Sarkophag.
Vielleicht ein Atemzug.
Vielleicht ein unterdrücktes Schluchzen.
»Das solltest du nicht.«
Sie sah zurück.
Auf den schwarzen Stein.
Die verwelkenden Rosen.
Die letzten flackernden Kerzen.
»Vielleicht nicht.«
Dann ging sie.

Drei Nächte später kehrte sie zurück.
Ohne Blumen.
Ohne Kerzen.
Ohne das schwarze Spitzenkleid.
Sie trug einen dunklen Mantel und hielt einen schweren, alten Schlüssel in der Hand.
Adrien hatte ihn ihr gegeben.
Er hatte versucht, sie aufzuhalten.
Hatte ihr erzählt, wie gefährlich Lucien noch immer war. Wie wenig die Jahre im Sarkophag an seinem Hunger geändert haben konnten.
Sie hatte ihm zugehört.
Und dann hatte sie eine einzige Frage gestellt.
»Hat er jemals versucht, herauszukommen?«
Adrien hatte den Kopf geschüttelt.
»Nein.«
»Nicht ein einziges Mal?«
»Er hätte mich darum bitten können. Er wusste, dass ich ihn hören würde.«
»Aber er hat es nicht getan.«
»Nein.«
Nun stand sie vor dem Sarkophag.
In der Dunkelheit konnte sie kaum ihre eigene Hand erkennen.
»Du bist wieder da«, flüsterte Lucien.
Sie trat näher.
»Ja.«
»Warum?«
Sie legte die Hand auf den kalten Stein.
»Weil ich etwas verstanden habe.«
»Was?«
»Dass ich dich nicht zurückhaben kann, wie du früher warst.«
Stille.
»Und dass ich vielleicht auch gar nicht mehr die Frau bin, die du damals geliebt hast.«
»Du bist noch immer du.«
»Nein, Lucien. Ich bin älter. Ich habe andere Menschen geliebt. Ich habe Dinge überlebt, von denen du nichts weißt. Und ich weiß jetzt etwas über dich, das ich niemals wissen wollte.«
Sie atmete langsam aus.
»Ich weiß nicht, ob ich dir verzeihen kann.«
»Das verlange ich nicht.«
»Ich weiß auch nicht, ob ich dir jemals wieder vertrauen könnte.«
»Das verstehe ich.«
Sie betrachtete den Schlüssel.
»Aber ich möchte dich ansehen, während ich es herausfinde.«
Unter dem Stein wurde es vollkommen still.
»Du weißt nicht, was du da tust.«
»Nein.«
Sie kniete sich vor die schmale Öffnung am Fuß des Sarkophags.
»Zum ersten Mal seit zehn Jahren weiß ich überhaupt nichts.«
Der Schlüssel glitt ins Schloss.
Er passte.
Natürlich passte er.
Sie schloss die Augen.
Drehte ihn.
Ein schweres metallisches Klicken hallte durch die Gruft.
Dann noch eines.
Und ein drittes.
Im Inneren bewegte sich etwas.
»Bitte«, flüsterte Lucien.
Sie hielt inne.
»Was?«
Seine Stimme klang plötzlich so nah, als lägen nur noch wenige Zentimeter zwischen ihnen.
»Wenn du den Deckel öffnest, geh nicht sofort auf mich zu.«
Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
»Warum?«
»Weil ich dich seit zehn Jahren nicht gesehen habe.«
Eine Pause.
»Und weil ich nicht weiß, ob ich zuerst deine Lippen küssen oder deine Kehle zerreißen möchte.«
Sie saß reglos da.
Der Schlüssel steckte noch im Schloss.
Dann legte sie beide Hände auf den schweren Marmordeckel.
Und begann zu schieben.
Ende?
Bildhinweis: Die Bilder wurden mithilfe künstlicher Intelligenz auf Grundlage eigener Fotografien erstellt.


