Erotische Geschichten

Ein Herzschlag für die Ewigkeit

Eine Halloween-Geschichte über einen alten Fluch, eine unsterbliche Liebe und eine Nacht voller Sehnsucht

Der Preis des Lebens

Der Herbst des Jahres 1876 war ungewöhnlich kalt. Schon Anfang Oktober hatte der erste Frost die Felder überzogen, und hartnäckiger Nebel lag über dem kleinen Dorf, dessen Häuser sich zwischen bewaldeten Hügeln und weitläufigen Maisfeldern erstreckten.

Am Dorfrand, in einem alten Landhaus mit efeubewachsenen Mauern, lebten Ravenna und Elias Winterfeld.

Seit drei Jahren waren sie verheiratet. Drei Jahre voller kleiner Gewohnheiten, vertrauter Berührungen und jener stillen Selbstverständlichkeit, die entsteht, wenn zwei Menschen ihr Leben miteinander teilen.

Elias war ein gebildeter, angesehener Mann, dessen Familie seit Generationen Land besaß. Ravenna stammte aus einer alten Linie von Frauen, denen man ungewöhnliche Fähigkeiten nachsagte. Sie kannte die heilende Wirkung zahlloser Pflanzen, verstand die Zeichen der Natur und beherrschte eine Magie, von deren Existenz die meisten Menschen nicht einmal zu träumen wagten.

Ihr Ehemann kannte ihr Geheimnis.

Als sie es ihm kurz vor ihrer Hochzeit anvertraut hatte, war er zunächst sprachlos gewesen.

„Du willst mir sagen, dass ich eine Hexe heirate?“

„Du kannst es dir noch überlegen.“

Elias hatte sie damals an sich gezogen.

„Ich fürchte, dafür ist es bereits zu spät.“

Dann hatte er sie geküsst.

Und Ravenna hatte gewusst, dass sie diesem Mann ihr Leben anvertrauen konnte.

Doch im Herbst 1876 wurde ihr gemeinsames Glück auf eine grausame Probe gestellt.

Eine Typhusepidemie suchte das Dorf heim. Zunächst erkrankten nur wenige Menschen, doch bald läuteten die Kirchenglocken beinahe täglich für einen weiteren Verstorbenen.

Als Elias das Fieber bekam, versuchte Ravenna alles, was ihr Wissen hergab.

Sie pflegte ihn Tag und Nacht, verabreichte ihm Kräuteraufgüsse und kühlte seine fiebernde Stirn. Doch die Krankheit ließ sich nicht aufhalten.

Am Abend des 30. Oktober erklärte der Arzt, dass Elias den nächsten Morgen vermutlich nicht mehr erleben würde.

Ravenna saß lange an seinem Bett.

Seine Haut war blass, seine Lippen trocken. Als sie seine Hand nahm, öffnete er mühsam die Augen.

„Du musst mich gehen lassen“, flüsterte er.

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Ravenna …“

„Du hast mir versprochen, mit mir alt zu werden.“

Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Ich fürchte, ich bin ein schlechter Ehemann.“

Sie beugte sich über ihn und küsste seine Stirn.

„Dann werde ich dich eben daran hindern, dein Versprechen zu brechen.“

Noch in derselben Nacht holte Ravenna ein altes, in Leder gebundenes Buch aus einer verschlossenen Truhe.

Darin fand sich ein Zauber, vor dessen Anwendung ihre Großmutter sie einst gewarnt hatte.

Was dem Tod entrissen wird, verlangt ein Opfer von gleichem Wert.

Ravenna kannte die Bedeutung dieser Worte.

Ein Leben für ein Leben.

Sie war bereit, ihres zu geben.

Kurz vor Mitternacht trat sie hinaus auf das abgeerntete Maisfeld hinter dem Haus. Der Wind fuhr durch die trockenen Halme, während sie mit Kreide einen Kreis auf die dunkle Erde zeichnete.

In dessen Mitte stand eine alte Vogelscheuche, die seit Jahren die letzten Krähen von der Ernte fernhalten sollte.

Ravenna begann, die Worte des Zaubers zu sprechen.

Der Wind verstummte.

Die Nacht wurde unnatürlich still.

Als sie den letzten Satz aussprach, erloschen die Kerzen um sie herum. Eine unsichtbare Kraft ergriff ihren Körper, und für einen Augenblick glaubte sie, das Herz ihres Mannes schlagen zu hören.

Kräftig.

Regelmäßig.

Gesund.

Sie lächelte.

Dann verschwand die Welt in Dunkelheit.

Am nächsten Morgen erwachte Elias ohne Fieber.

Er fühlte sich so gesund wie seit Wochen nicht mehr.

Doch seine Frau war verschwunden.

Auf dem Küchentisch lag ihr Ehering.

Und draußen auf dem Maisfeld stand eine Vogelscheuche, deren Hut sich im kalten Morgenwind bewegte.

Niemand ahnte, dass in ihrem Inneren eine menschliche Seele gefangen war.

Die Jahre der Einsamkeit

Elias suchte seine Frau.

Zunächst im Dorf, dann in den umliegenden Städten. Er befragte Reisende, ließ Anzeigen veröffentlichen und bot eine beträchtliche Belohnung für jeden Hinweis auf ihren Verbleib.

Wochen wurden zu Monaten.

Als ihn im folgenden Herbst die Nachricht erreichte, eine Frau von Ravennas Beschreibung sei in einer entfernten Stadt gesehen worden, brach er unverzüglich auf.

Er ahnte nicht, dass seine Frau ausgerechnet in dieser Nacht zum ersten Mal wieder erwachen würde.

Am Abend des 31. Oktober 1877 öffnete Ravenna die Augen.

Sie stand mitten auf dem abgeernteten Maisfeld.

Der Holzpfahl, an dem sie seit einem Jahr gefangen gewesen war, ragte hinter ihr auf. Ihre Glieder fühlten sich steif an, und als sie die Hände hob, bemerkte sie erschrocken, dass kleine Strohbündel aus ihren Ärmeln ragten.

Ihr Körper war verändert.

Die Magie hatte ihr eine fremdartige Schönheit verliehen. Ihr kupferrotes Haar fiel in langen Wellen über ihre Schultern, ihre Taille war schmaler, ihre Hüften voller geworden. Dunkle Stoffe und lederartige Einsätze umschlossen ihren Körper wie ein kunstvoll gearbeitetes Gewand.

Doch zwischen den Nähten schimmerte Stroh hervor. Ihre Haut besaß stellenweise einen unnatürlichen, fast wächsernen Glanz.

Als Ravenna ihr Spiegelbild im Wasser eines Brunnens sah, wich sie erschrocken zurück.

Sie sah nicht mehr aus wie die Frau, die Elias geheiratet hatte.

Und dennoch war sie es.

Sie versuchte, die Strohbündel unter einem Mantel zu verbergen, und schlich durch die Dunkelheit zu ihrem ehemaligen Haus.

Die Fenster waren schwarz.

Die Türen verschlossen.

Sie wartete, bis am Horizont der erste helle Streifen erschien.

Elias kam nicht.

Als die Sonne aufging, kehrte Ravenna unfreiwillig auf ihren Pfahl zurück.

Ein weiteres Jahr begann.

In den folgenden Jahrzehnten suchte sie ihn immer wieder. Doch ihre Möglichkeiten waren begrenzt.

Eine Frau, die aussah wie eine lebendig gewordene Vogelscheuche, konnte sich im neunzehnten Jahrhundert kaum unbehelligt unter Menschen bewegen.

Ravenna blieb im Schutz der Dunkelheit. Sie lauschte Gesprächen, suchte nach Hinweisen und wagte sich nur selten in die belebten Straßen.

Mit der Zeit wurde ihre Suche schwieriger.

Elias hatte das Dorf verlassen. Nachdem seine Nachforschungen erfolglos geblieben waren, hatte er schließlich erkannt, dass mit ihm selbst etwas Unbegreifliches geschehen war.

Er alterte nicht.

Krankheiten konnten ihm nichts anhaben. Verletzungen heilten mit unnatürlicher Geschwindigkeit, und während seine Freunde graue Haare bekamen, blieb sein Gesicht unverändert.

Irgendwann war ihm klar geworden, dass er seine Heimat verlassen musste.

Er reiste durch Europa, später durch die ganze Welt. Er nahm neue Namen an, erfand neue Lebensgeschichten und lernte, sich von Menschen zu verabschieden, die er unweigerlich überleben würde.

Er erlebte Kriege, Revolutionen und den Wandel ganzer Gesellschaften.

Er schloss Freundschaften, empfand Zuneigung und begegnete Frauen, die ihm durchaus gefielen.

Doch niemand vermochte jene Leere auszufüllen, die Ravenna hinterlassen hatte.

Seinen Ehering trug er weiterhin.

Währenddessen veränderte sich auch Ravennas Welt.

Mit den Jahrzehnten wurden Halloweenfeiern immer beliebter. Die Kostüme wurden fantasievoller, die Verkleidungen aufwendiger.

Und eines Nachts bemerkte Ravenna, dass die Menschen nicht mehr erschraken, wenn sie ihr begegneten.

Stattdessen bewunderten sie ihr außergewöhnliches Kostüm.

Eine junge Frau fragte sie sogar, wie sie die verblüffend echt wirkenden Strohbündel befestigt habe.

Ravenna hatte nur geheimnisvoll gelächelt.

Zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten konnte sie sich frei unter Menschen bewegen.

Sie begann, ihre wenigen Stunden im Jahr zu genießen. Sie besuchte Feste, tanzte, probierte unbekannte Speisen und beobachtete fasziniert die Veränderungen der modernen Welt.

Aus der verängstigten Frau, die sich einst vor den Dorfbewohnern verborgen hatte, wurde eine selbstbewusste, geheimnisvolle Erscheinung.

Doch wenn der Morgen nahte, kehrte sie stets auf ihr Feld zurück.

Und mit jedem neuen Erwachen blieb dieselbe Frage.

Wo bist du, Elias?

Der geheimnisvolle Bürgermeister

Im Frühjahr 2026 erhielt das Dorf einen neuen Bürgermeister.

Er hieß Elias Winter.

Ein wohlhabender, ausgesprochen charmanter Mann, der nach eigenen Angaben viele Jahre im Ausland gelebt hatte.

Mit seinem dunklen Haar, den markanten Gesichtszügen und der ruhigen, beinahe altmodischen Höflichkeit zog er schnell die Aufmerksamkeit der Dorfbewohner auf sich.

Besonders die unverheirateten Damen des Ortes zeigten ein auffallend großes Interesse an seinen öffentlichen Auftritten.

Elias nahm die Bewunderung mit höflicher Gelassenheit hin.

Niemand ahnte, dass er bereits vor hundertfünfzig Jahren durch dieselben Straßen gegangen war.

Seine Rückkehr war keine spontane Entscheidung gewesen.

Nach all den Jahrzehnten hatte ihn die Sehnsucht nach seiner Heimat eingeholt. Er wollte noch einmal dort leben, wo er einst glücklich gewesen war.

Das alte Landhaus existierte längst nicht mehr. An seiner Stelle standen moderne Gebäude, und die meisten Wege seiner Kindheit waren verschwunden.

Nur das Maisfeld am Dorfrand hatte die Zeit überdauert.

Elias hatte es bei seiner Rückkehr besucht.

Die alte Vogelscheuche war ihm aufgefallen, doch er hatte ihr keine besondere Beachtung geschenkt.

Er konnte nicht wissen, dass seine Frau nur wenige Schritte von ihm entfernt gewesen war.

Als der Kulturverein vorschlug, am 31. Oktober einen großen Halloween-Kostümball im historischen Rathaus zu veranstalten, erklärte er sich bereit, die Schirmherrschaft zu übernehmen.

Es sollte ein Fest werden, das die Dorfbewohner noch lange in Erinnerung behalten würden.

Wie recht er damit haben sollte, ahnte er nicht.

Die Fremde mit den bernsteinfarbenen Augen

Das Rathaus erstrahlte im warmen Licht unzähliger Kerzen.

Schwarze Stoffbahnen schmückten die hohen Fenster, geschnitzte Kürbisse säumten die Treppen, und über der Tanzfläche schwebten Fledermäuse aus Papier.

Ein kleines Orchester spielte, während sich die Gäste in fantasievollen Kostümen durch den Saal bewegten.

Elias trug einen eleganten schwarzen Gehrock mit silbernen Stickereien, eine dunkle Weste und eine schmale Halbmaske.

Er sah aus wie ein Adliger vergangener Jahrhunderte.

Was angesichts seiner Vergangenheit nicht ganz unpassend war.

Er unterhielt sich gerade mit einigen Gästen, als die Türen des Festsaals geöffnet wurden.

Eine Frau trat ein.

Sie trug einen breiten, leicht schief sitzenden Hut, unter dem langes kupferfarbenes Haar hervorquoll. Ein eng geschnürtes Korsett aus dunklem Leder betonte ihre schmale Taille, während karierte Stoffbahnen ihre vollen Hüften umspielten. Hohe, geschnürte Stiefel reichten bis über ihre Knie.

An ihren Ärmeln und am Saum ihres Kleides waren kleine Strohbündel befestigt.

Auf ihrer Schulter saß eine schwarze Krähe.

Ravenna blieb einen Augenblick stehen und betrachtete den Saal.

Die Musik, das Licht, die prachtvollen Kostüme.

Es war wunderschön.

Sie strich über den Kopf der Krähe.

„Du bleibst draußen“, flüsterte sie.

Der Vogel krächzte empört.

„Keine Widerrede.“

Die Krähe breitete ihre Flügel aus und verschwand durch die offene Tür.

Ravenna lächelte und betrat den Saal.

Mehrere Gäste bewunderten ihr Kostüm. Eine junge Frau fragte, wo sie es gekauft habe.

„Es ist eine sehr alte Maßanfertigung“, antwortete Ravenna.

Sie nahm ein Glas Sekt von einem Tablett und ließ ihren Blick über die Tanzfläche wandern.

Dann erklang ein Walzer.

Und sie beschloss, sich unter die Tanzenden zu mischen.

Ein Tanz mit einem Fremden

Der Moderator kündigte einen traditionellen Tanzwechsel an.

Nach jeder Strophe sollten die Paare ihre Partner tauschen. Eine alte Balltradition, die der Kulturverein eigens für diesen Abend wiederbelebt hatte.

Elias ließ sich von einer Bekannten auf die Tanzfläche ziehen.

Ravenna wurde unterdessen von einem jungen Mann im Vampirkostüm zum Tanz aufgefordert.

Sie nahm seine Hand.

Die Musik begann.

Nach wenigen Takten wechselten die Paare.

Einmal.

Zweimal.

Dann fand Ravenna sich plötzlich in den Armen eines hochgewachsenen Mannes mit dunklem Haar und einer schwarzen Halbmaske wieder.

Seine Hand legte sich an ihre Taille.

Er führte sie mit einer Sicherheit, die sie überraschte.

„Darf ich?“, fragte er höflich.

„Ich glaube, wir tanzen bereits.“

Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Dann hoffe ich, Sie verzeihen meine verspätete Frage.“

Seine Stimme ließ Ravenna aufhorchen.

Tief.

Warm.

Auf eine schmerzhaft vertraute Weise.

Sie hob den Blick.

Die Augen hinter der Maske waren dunkel, die Gesichtszüge markant. Sein Haar war kürzer als in ihrer Erinnerung, seine Kleidung fremd.

Aber etwas an ihm …

Nein.

Es konnte nicht sein.

Sie hatte ihn so viele Jahre gesucht, dass sie inzwischen in unzähligen Fremden eine Ähnlichkeit mit ihm entdeckt hatte.

„Sie tanzen ausgezeichnet“, sagte sie schließlich.

„Eine Fähigkeit, die ich mir über die Jahre bewahrt habe.“

„Über die Jahre?“

„Ich bin älter, als ich aussehe.“

Ravenna lächelte.

„Das behaupten Männer erstaunlich gern.“

Elias betrachtete sie aufmerksam.

Ihr Lächeln hatte etwas in ihm berührt.

Etwas, das tief unter Jahrzehnten voller Erinnerungen verborgen lag.

Er zog sie ein wenig näher, als die Musik langsamer wurde.

Ravenna spürte die Wärme seiner Hand durch das Korsett. Seine Finger ruhten fest an ihrer Taille, während er sie mühelos durch die Schritte führte.

Es war lange her, dass sie sich einem Mann auf diese Weise anvertraut hatte.

Sie bemerkte den Duft seines Rasierwassers, die angenehme Wärme seines Körpers und die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der er sie hielt.

Ein leises Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus.

Elias wiederum konnte den Blick kaum von ihr lösen.

Die bernsteinfarbenen Augen, das kupferrote Haar, die sinnliche Linie ihrer Lippen.

Sie war eine außergewöhnlich schöne Frau.

Doch es war nicht allein ihre Schönheit, die ihn fesselte.

Es war die seltsame Vertrautheit ihrer Nähe.

Als die Musik eine langsame Wendung verlangte, legte Ravenna ihre linke Hand etwas höher an seine Schulter.

Beinahe unbewusst strich sie mit dem Daumen zweimal über den Stoff seines Gehrocks.

Elias hielt mitten in der Bewegung inne.

Ravenna sah überrascht zu ihm auf.

„Ist etwas?“

Er blickte auf ihre Hand.

Dann in ihr Gesicht.

„Verzeihen Sie. Sie haben mich gerade an jemanden erinnert.“

„An wen?“

Er zögerte.

„An eine Frau, die ich vor sehr langer Zeit liebte.“

Ravenna spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Was ist aus ihr geworden?“

Sein Blick verdunkelte sich.

„Ich habe sie verloren.“

Die Musik spielte weiter, doch für Ravenna schien der Saal plötzlich still geworden zu sein.

„Das tut mir leid.“

„Es ist lange her.“

„Manche Verluste werden durch die Jahre nicht kleiner.“

Elias betrachtete sie.

Hinter ihren Worten lag eine Traurigkeit, die er nur zu gut kannte.

„Nein“, sagte er leise. „Das werden sie nicht.“

Dann erklang das Signal zum nächsten Partnerwechsel.

Doch Elias ließ ihre Hand nicht los.

„Würden Sie mir noch diesen einen Tanz schenken?“

Ravenna nickte.

Und sie tanzten weiter.

Ein vertrautes Geheimnis

Als der Walzer endete, führte Elias sie zu einem der hohen Fenster.

Draußen lag der Rathausplatz im Mondlicht. Kinder in Kostümen liefen zwischen den Häusern umher, und irgendwo erklang ausgelassenes Gelächter.

„Sie sind nicht von hier“, bemerkte Elias.

„Doch. Ich kenne dieses Dorf sehr gut.“

„Dann hätte ich mich vermutlich an Sie erinnert.“

Ravenna lächelte.

„Vielleicht haben Sie mich einfach übersehen.“

Er schüttelte den Kopf.

„Das halte ich für unwahrscheinlich.“

Sie wandte sich zum Fenster, um ihre Verlegenheit zu verbergen.

Elias betrachtete ihr Profil.

Die kupferfarbenen Locken, die feine Linie ihrer Nase, die Art, wie sie den Kopf leicht zur Seite neigte, wenn sie nachdachte.

Er kannte diese Bewegung.

Er hatte sie unzählige Male gesehen.

Vor langer, langer Zeit.

„Darf ich Sie etwas fragen?“

„Natürlich.“

„Woher haben Sie diese Angewohnheit?“

Ravenna sah ihn überrascht an.

„Welche?“

Er hob seine Hand und deutete auf ihre Finger.

„Sie streichen mit dem Daumen zweimal über die Schulter Ihres Tanzpartners.“

Ravenna blickte auf ihre Hand.

Sie erinnerte sich.

Damals, in ihrem alten Haus, hatte Elias sie manchmal mitten in der Küche zum Tanz aufgefordert. Ohne Musik. Nur zum Spaß.

Wenn er sie besonders fest an sich gezogen hatte, hatte sie zweimal über seine Schulter gestrichen.

Ihr kleines, geheimes Zeichen.

Ich liebe dich.

Und er hatte ihre Hand daraufhin etwas fester gedrückt.

Ich weiß.

„Eine alte Gewohnheit“, antwortete sie schließlich.

Elias schwieg.

Dann sagte er: „Meine Frau hat das früher getan.“

Ravenna wagte kaum zu atmen.

„Ihre Frau?“

„Ja.“

„Sind Sie verwitwet?“

Er betrachtete den Ring an seiner linken Hand.

„Ich weiß es nicht.“

Sie sah ihn an.

„Wie kann man das nicht wissen?“

„Sie verschwand vor vielen Jahren. Ich habe nie erfahren, was mit ihr geschehen ist.“

Ravenna spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte.

„Haben Sie nach ihr gesucht?“

Elias lachte bitter auf.

„Länger, als Sie sich vorstellen können.“

Sie wandte den Blick ab.

Hundertfünfzig Jahre.

Hundertfünfzig Jahre, in denen sie geglaubt hatte, er sei irgendwann gestorben.

Und nun stand ein Mann vor ihr, der ihre gemeinsame Vergangenheit mit jedem Wort wieder zum Leben erweckte.

„Wie hieß sie?“, fragte Ravenna.

Elias zögerte.

„Ravenna.“

Sie schloss für einen Augenblick die Augen.

Ihren Namen aus seinem Mund zu hören, nach all diesen Jahren, ließ die Erinnerungen mit einer Heftigkeit zurückkehren, auf die sie nicht vorbereitet gewesen war.

„Ein ungewöhnlicher Name“, sagte sie leise.

„Sie war eine ungewöhnliche Frau.“

Ravenna betrachtete ihn.

Dann fiel ihr Blick auf den schmalen goldenen Ring an seiner Hand.

„Sie tragen noch immer Ihren Ehering.“

Elias strich mit dem Daumen über das abgenutzte Gold.

„Ich habe nie einen Grund gefunden, ihn abzulegen.“

Ravenna spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.

Sie trat näher.

„Du hast mir einmal versprochen, mit mir alt zu werden.“

Elias hob langsam den Kopf.

„Was haben Sie gesagt?“

Ihre Stimme zitterte.

„Und ich habe dir gesagt, dass ich dich daran hindern würde, dieses Versprechen zu brechen.“

Er starrte sie an.

Sein Blick wanderte über ihr Gesicht, blieb an ihren Augen hängen.

„Nein …“

Sie lächelte unter Tränen.

„Doch, mein Liebster.“

Elias hob langsam die Hand und berührte ihre Wange.

„Ravenna?“

Sie nickte.

„Ich bin es.“

Für einen Augenblick schien er nicht zu wissen, ob er lachen oder weinen sollte.

Dann zog er sie an sich.

Seine Arme schlossen sich so fest um sie, als fürchte er, sie könnte im nächsten Augenblick wieder verschwinden.

Ravenna vergrub das Gesicht an seiner Schulter.

Sie spürte seinen Herzschlag.

Kräftig.

Regelmäßig.

Lebendig.

Das Herz, für dessen Schlagen sie einst alles gegeben hatte.

Elias löste sich ein wenig von ihr.

Seine Hände umfassten ihr Gesicht.

„Ich habe dich gesucht“, flüsterte er.

„Ich weiß.“

„Ich habe nie aufgehört.“

„Ich auch nicht.“

Er beugte sich zu ihr hinunter.

Und küsste sie.

Mitten im festlich geschmückten Saal, zwischen lachenden Gästen und tanzenden Paaren, fanden sich zwei Menschen wieder, die einander vor anderthalb Jahrhunderten verloren hatten.

Eine Nacht voller Sehnsucht

Sie verließen den Ball kurz darauf.

Elias führte Ravenna durch die stillen Straßen des Dorfes, vorbei an Häusern, die sie kaum wiedererkannte.

Sie erzählten einander ihre Geschichten.

Ravenna berichtete von dem Zauber, von ihrer Verwandlung und den unzähligen Halloween-Nächten, in denen sie vergeblich nach ihm gesucht hatte.

Elias erzählte von seinem langen Leben, seinen Reisen und der schmerzhaften Erkenntnis, dass er offenbar niemals sterben würde.

Als Ravenna begriff, was ihre Magie bewirkt hatte, blieb sie stehen.

„Ich wollte dich retten“, flüsterte sie. „Nicht zu einem solchen Leben verdammen.“

Elias nahm ihre Hände.

„Du hast mich gerettet.“

„Aber zu welchem Preis?“

Er betrachtete sie.

„Zu einem hohen.“

Ravenna senkte den Kopf.

„Es tut mir leid.“

„Sieh mich an.“

Sie hob den Blick.

„Ich habe hundertfünfzig Jahre lang versucht zu verstehen, weshalb du verschwunden bist. Ich habe geglaubt, du hättest mich verlassen. Später dachte ich, du seist gestorben.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Dass du all diese Zeit dort gewesen bist … so nah an unserem Haus …“

Er brach ab.

Ravenna strich über seine Wange.

„Du konntest es nicht wissen.“

Eine Weile standen sie schweigend beieinander.

Dann zog Elias sie an sich.

Seine Lippen berührten zunächst ihre Stirn, dann ihre Schläfe.

Ravenna schloss die Augen.

Als er ihren Mund fand, erwiderte sie seinen Kuss mit einer Sehnsucht, die sich über anderthalb Jahrhunderte angestaut hatte.

Ihre Finger glitten in sein dunkles Haar.

Elias hielt sie enger, seine Hand wanderte langsam über ihren Rücken, bis sie an ihrer Taille ruhte.

Sie spürte die Wärme seines Körpers und den vertrauten Druck seiner Arme.

Wie oft hatte sie sich nach genau diesem Gefühl gesehnt?

Nach seiner Nähe.

Nach seinen Berührungen.

Nach dem Mann, dessen Gesicht sie selbst nach all den Jahren nicht vergessen hatte.

Als sie sich schließlich voneinander lösten, legte Elias seine Stirn an ihre.

„Komm mit mir“, flüsterte er.

Ravenna sah ihn an.

„Wohin?“

„Nach Hause.“


Sein Haus lag am Rand des Dorfes, umgeben von alten Bäumen und einem gepflegten Garten.

Ravenna betrachtete die hohen Fenster, die warm erleuchteten Räume und die moderne Einrichtung mit unverhohlener Neugier.

Doch lange hielt sie sich nicht mit den fremden Gegenständen auf.

Elias hatte gerade zwei Gläser Wein eingeschenkt, als sie hinter ihn trat.

Sie legte die Arme um seine Taille und schmiegte sich an seinen Rücken.

Er hielt inne.

„Was ist?“

„Nichts.“

Sie drückte ihre Wange gegen seine Schulter.

„Ich wollte nur wissen, ob du wirklich hier bist.“

Elias stellte die Gläser ab.

Dann drehte er sich zu ihr um.

„Ich bin hier.“

Ravenna hob den Blick.

„Und diesmal verschwindest du nicht?“

„Nein.“

Er strich ihr eine kupferfarbene Locke aus dem Gesicht.

„Diesmal nicht.“

Sie küsste ihn.

Langsam.

Zärtlich.

Doch als Elias seine Arme um sie legte, wurde aus dem sanften Kuss eine leidenschaftliche Umarmung.

Ravenna spürte, wie seine Hände über ihren Rücken glitten. Seine Finger folgten den Schnürungen ihres Korsetts, während sie sich enger an ihn schmiegte.

„Du siehst anders aus“, murmelte er an ihren Lippen.

Sie lächelte.

„Das ist dir also aufgefallen?“

Sein Blick wanderte über ihre Gestalt.

„Es wäre schwierig gewesen, es zu übersehen.“

Ravenna lachte leise.

„Die Magie hatte offenbar ihre eigenen Vorstellungen davon, wie eine Vogelscheuche auszusehen hat.“

Elias strich über ihre Wange.

„Ich hätte dich überall erkannt.“

Sie hob eine Augenbraue.

„Du hast den halben Abend mit mir getanzt, ohne mich zu erkennen.“

Er lächelte.

„Dann hätte ich dich eben irgendwann erkannt.“

„Irgendwann?“

„Spätestens, wenn du mich wieder so geküsst hättest.“

Ravenna schüttelte lächelnd den Kopf.

Dann zog sie ihn erneut zu sich.

Diesmal küsste sie ihn mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel an ihren Absichten ließ.

Elias erwiderte den Kuss.

Seine Hände fanden ihre Hüften, während Ravenna die Finger in den Stoff seiner Weste krallte.

Für einen Augenblick schien die Welt außerhalb dieses Hauses nicht mehr zu existieren.

Keine vergangenen Jahrhunderte.

Keine verlorenen Jahre.

Kein Fluch.

Nur sie beide.

Als Elias sie schließlich auf seine Arme hob, entwich ihr ein überraschter Laut.

„Du bist immer noch ein unverbesserlicher Romantiker.“

Er betrachtete sie mit einem Lächeln.

„Und du bist immer noch meine Frau.“

Ravenna legte die Arme um seinen Hals.

„Dann solltest du mich vielleicht daran erinnern, wie es sich anfühlt, verheiratet zu sein.“

Elias küsste sie.

Und trug sie die Treppe hinauf.


Später lag Ravenna in seinen Armen.

Durch die halb geöffneten Vorhänge fiel silbernes Mondlicht auf das Bett. Ihr kupferfarbenes Haar breitete sich über das Kissen aus, während Elias mit den Fingerspitzen gedankenverloren über ihren Rücken strich.

Sie hatte den Kopf auf seine Brust gelegt und lauschte seinem Herzschlag.

„Weißt du noch“, fragte sie leise, „wie wir früher im Sommer bei geöffnetem Fenster geschlafen haben?“

Elias lächelte.

„Du hast dich immer über die Mücken beschwert.“

„Und du hast behauptet, sie würden dich niemals stechen.“

„Das haben sie auch nicht.“

Ravenna hob den Kopf.

„Du warst schon damals unerträglich.“

Er lachte leise und küsste ihre Stirn.

Sie betrachtete sein Gesicht.

Es war dasselbe Gesicht, das sie einst geliebt hatte.

Und doch lag etwas Neues darin.

Eine Müdigkeit, die nicht von seinem Körper kam.

Die Spuren eines Lebens, das viel zu lange gedauert hatte.

„Warst du sehr einsam?“, fragte sie.

Elias schwieg einen Moment.

„Manchmal.“

Sie strich mit den Fingerspitzen über seine Wange.

„Ich auch.“

Er nahm ihre Hand und küsste ihre Finger.

„Aber heute Nacht nicht.“

Ravenna lächelte.

„Nein. Heute Nacht nicht.“

Sie schmiegte sich wieder an ihn.

Und für eine Weile sprachen sie nicht mehr.

Sie genossen die Wärme ihrer Körper, die vertraute Nähe und das stille Glück, einander endlich wieder berühren zu können.

Irgendwann schlief Ravenna in seinen Armen ein.

Elias blieb wach.

Er betrachtete ihr Gesicht im Mondlicht und strich behutsam eine Haarsträhne von ihrer Stirn.

Hundertfünfzig Jahre hatte er sich gewünscht, sie noch einmal so sehen zu dürfen.

Nun lag sie neben ihm.

Lebendig.

Wunderschön.

Und seine.

Doch als er zum Fenster blickte, bemerkte er den ersten blassen Schimmer des nahenden Morgens.

Bis nächstes Jahr, Geliebte

Ravenna erwachte, noch bevor Elias sie wecken konnte.

Sie lag einen Augenblick still, dann setzte sie sich auf.

„Es wird Zeit.“

Elias folgte ihrem Blick zum Fenster.

„Wie lange haben wir noch?“

„Nicht mehr viel.“

Er nahm ihre Hand.

„Dann sollten wir gehen.“

Sie kleideten sich schweigend an.

Als Ravenna ihr Korsett schnürte, trat Elias hinter sie und half ihr, die letzten Bänder festzuziehen.

Seine Finger verweilten einen Moment an ihrem Rücken.

Dann beugte er sich vor und küsste ihren Nacken.

Ravenna schloss die Augen.

„Du machst es mir nicht gerade leichter.“

„Das war auch nicht meine Absicht.“

Sie drehte sich zu ihm um.

Für einen Augenblick standen sie einfach nur da.

Dann küsste sie ihn ein letztes Mal in diesem Haus.


Der Himmel über den Maisfeldern begann bereits heller zu werden, als sie den schmalen Feldweg erreichten.

Tau glitzerte auf den Halmen, und ein kühler Wind strich durch die vertrockneten Pflanzen.

In der Ferne erklangen die ersten Rufe der Vögel.

Ravenna ging langsam.

Elias hielt ihre Hand.

Als sie den alten Holzpfahl erreichten, blieb er stehen.

„Hier warst du also die ganze Zeit.“

Sie nickte.

„Und ich habe die halbe Welt durchstreift, ohne zu wissen, dass du hier auf mich gewartet hast.“

Ravenna lächelte traurig.

„Wir waren offenbar beide nicht besonders geschickt darin, einander zu finden.“

Elias erwiderte ihr Lächeln.

Dann zog er sie in seine Arme.

Sie standen lange so, während der Wind durch die letzten Maispflanzen strich.

„Wirst du wiederkommen?“, fragte Ravenna schließlich.

Elias löste sich ein wenig von ihr und sah sie an.

„Jedes Jahr.“

„Es ist eine lange Zeit bis zum nächsten Halloween.“

„Ich habe schon längere Zeiten überstanden.“

Sie lachte leise, doch in ihren Augen standen Tränen.

Am Horizont erschien der erste schmale Streifen der aufgehenden Sonne.

Ravenna spürte, wie die Magie nach ihr griff.

Ihre Finger wurden kälter.

Das Stroh an ihren Ärmeln begann sich zu regen.

„Elias …“

Er küsste ihre Stirn.

Dann ihre Wangen.

Und schließlich ihre Lippen.

„Endlich hat meine Unsterblichkeit einen Sinn“, sagte er leise. „Bis nächstes Jahr, Geliebte. Wir haben alle Zeit dieser Welt.“

Ravenna lächelte.

Noch einen Herzschlag lang hielt sie seine Hand.

Dann löste sich ihre Gestalt im goldenen Licht des Morgens auf.

Wo eben noch eine wunderschöne Frau gestanden hatte, hing nun eine Vogelscheuche am verwitterten Holzpfahl.

Reglos.

Stumm.

Eine Krähe landete auf ihrer Schulter.

Elias blieb lange vor ihr stehen.

Schließlich nahm er ihre strohgefüllte Hand und drückte einen Kuss darauf.

„Bis nächstes Jahr“, flüsterte er.

Dann ging er.

Ein Jahr später

Der Oktober neigte sich seinem Ende zu.

Die Felder lagen still unter einem Himmel, dessen letzte Sonnenstrahlen die Landschaft in tiefes Gold und warmes Kupfer tauchten.

Ein kühler Wind strich durch die vertrockneten Maispflanzen. Abgefallene Blätter raschelten über den schmalen Feldweg, und irgendwo in der Ferne schlug eine Kirchenglocke.

Auf einem alten Holzpfahl stand eine Vogelscheuche.

Ihr breiter Hut saß ein wenig schief. Lange kupferfarbene Haarsträhnen bewegten sich im Wind, und an ihren Ärmeln hingen kleine Bündel aus trockenem Stroh.

Eine schwarze Krähe saß auf ihrer Schulter.

Die Sonne sank langsam hinter die Hügel.

Da erschien ein Mann am Ende des Feldweges.

Er trug einen dunklen Mantel, und in seiner Hand hielt er einen kleinen Strauß dunkelroter Rosen.

Seine Schritte waren ruhig und sicher.

Sein Blick ruhte unverwandt auf der Vogelscheuche.

Als er sie erreichte, blieb er stehen.

Die Krähe hob den Kopf.

Der letzte Sonnenstrahl verschwand hinter dem Horizont.

Und unter dem zerfransten Hut öffneten sich zwei bernsteinfarbene Augen.

Hinweis: Die Illustrationen zu dieser Geschichte wurden mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Sie dienen der fantasievollen Darstellung der Charaktere und der Atmosphäre der Erzählung.

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