Niemand hätte vermutet, dass sich hinter Frau Cassio eine Frau verbarg, die einmal im Monat Hunderte Menschen in ihren Bann zog.
Seit beinahe zwanzig Jahren arbeitete sie in der Verwaltung einer großen Versicherungsgesellschaft. Sie war zuverlässig, gewissenhaft und kannte die Bilanzen ihrer Zweigstelle besser als jeder andere. Ihre Kollegen schätzten ihre Arbeit, ansonsten nahm man wenig Notiz von ihr. Sie trug schlichte Röcke, dezente Blusen und bequeme Schuhe. Ihre dunklen Locken band sie meist zu einem praktischen Zopf zusammen. Make-up benutzte sie im Alltag kaum, Schmuck nur selten. Sie sprach freundlich mit ihren Kollegen, beteiligte sich gelegentlich an Gesprächen und verbrachte ihre Mittagspause am liebsten mit einem Buch.
Ihr Leben wirkte unspektakulär. Und genau so gefiel es ihr. Denn Frau Cassio hatte ein Geheimnis, das sie seit Jahren mit einem zufriedenen Lächeln hütete.
Jeden Neumond, wenn der Himmel am dunkelsten war, verwandelte sie sich. Dann löste sie ihre Locken, schminkte ihre Augen mit dunklen, schimmernden Farben und betonte ihre vollen Lippen mit einem verführerischen Rot. Sie legte ihren funkelnden Saphirschmuck an und schlüpfte in eines ihrer extravaganten Bühnenkostüme. An diesen Abenden war sie nicht Frau Cassio aus der Buchhaltung. Sie war die Königin der Nacht.
Das Chez Lumière gehörte zu den exklusivsten Nachtclubs der Stadt. Ein riesiger, mondäner Saal mit schweren roten Samtvorhängen, goldenen Verzierungen und einer geschwungenen Bühne, die an die großen Shows des alten Las Vegas erinnerte. Jeden Abend traten dort Künstler auf. Sänger, Tänzerinnen, Akrobaten und internationale Showgrößen wechselten sich ab. Doch einmal im Monat gab es einen Auftritt, auf den sich die Stammgäste besonders freuten: die Neumondshow.
Sie war das Highlight des Abends. Wenn die Lichter erloschen und die ersten Takte des Orchesters erklangen, erhob sich eine gespannte Erwartung im Saal. Dann öffnete sich der Vorhang. Auf der obersten Stufe einer breiten, beleuchteten Treppe stand sie. Ihr Kleid glitzerte im Scheinwerferlicht, die dunklen Locken fielen ihr über die Schultern, und die Saphire an ihrem Hals funkelten bei jeder Bewegung. Mit einem koketten Lächeln ließ sie ihren Blick über das Publikum schweifen. Dann begann sie zu singen.
Ihre Stimme war warm, kraftvoll und sinnlich. Sie beherrschte die großen Balladen ebenso wie die frechen Swingnummern, bei denen sie mit ihren Tänzern über die Bühne wirbelte. Sie flirtete mit dem Publikum, neckte die Herren in den ersten Reihen und brachte mit ihren süffisanten Bemerkungen selbst die elegantesten Damen zum Lachen. Sie liebte diese Abende. Das Orchester, die Musik, die prächtigen Kostüme und den Applaus. Vor allem aber liebte sie die Freiheit, auf dieser Bühne ganz sie selbst zu sein. Hier musste sie sich nicht zurücknehmen. Hier durfte sie strahlen.
Und das tat sie mit einer Selbstverständlichkeit, die jeden im Saal erreichte. Bis zu jenem Abend, an dem sie einen Mann an der Bar bemerkte.
Es geschah mitten in ihrer dritten Nummer. Sie hatte gerade eine schnelle Tanzfolge beendet und wandte sich mit einer eleganten Drehung dem Publikum zu, als ihr Blick zufällig zur Bar wanderte. Dort saß ein Mann. Er trug einen dunklen Anzug mit offenem Hemdkragen. Ein Arm ruhte locker auf dem Tresen, in der anderen Hand hielt er ein Glas.
Er sah sie an. Nicht aufdringlich und nicht mit jener unverhohlenen Begierde, die ihr von manchen Gästen nur allzu vertraut war. Er betrachtete sie einfach. Entspannt, aufmerksam, mit einem kaum merklichen, amüsierten Lächeln auf den Lippen.
Sie hob unwillkürlich eine Augenbraue. Sein Lächeln wurde ein wenig breiter. Sie wandte sich wieder ihrem Tanzpartner zu, ließ sich schwungvoll herumwirbeln und setzte ihre Nummer fort. Doch wenig später suchte ihr Blick erneut die Bar. Er saß noch immer dort und sah sie an.
Etwas an seiner ruhigen Aufmerksamkeit irritierte sie. Sie war es gewohnt, bewundert zu werden. Männer warfen ihr Kusshände zu, schickten Champagner an ihre Garderobe oder versuchten nach der Vorstellung, ein paar Minuten mit ihr zu verbringen. Dieser Mann tat nichts dergleichen. Er saß einfach da und genoss ihre Show.
Als sie später eine Ballade sang, begegneten sich ihre Blicke erneut. Diesmal hielt sie seinem Blick einen Moment länger stand. Er lächelte und sie lächelte zurück. Nach der letzten Zugabe verbeugte sie sich unter begeistertem Applaus. Als sie noch einmal zur Bar hinübersah, war der Mann verschwunden. Sie dachte kurz an ihn, während sie sich abschminkte. Dann vergaß sie ihn. Zumindest glaubte sie das.
Vier Wochen später stand sie erneut auf der Bühne. Der Abend verlief prächtig. Das Orchester spielte hervorragend, die Tänzer waren in Hochform und das Publikum ließ sich begeistert mitreißen. Erst während der vorletzten Nummer entdeckte sie ihn. Ganz hinten im Saal, an einem kleinen Tisch im Halbdunkel.
Sie erkannte ihn sofort. Dieselbe entspannte Haltung, dasselbe ruhige Lächeln. Na, sieh mal einer an. Sie sang weiter, doch ihre Augen wanderten immer wieder zu ihm. Als sich ihre Blicke trafen, hob er sein Glas ein kleines Stück. Eine winzige Geste, kaum sichtbar. Sie erwiderte sie mit einem leichten Neigen des Kopfes.
Während der letzten Ballade bemerkte sie, dass sie häufiger zu seinem Tisch blickte als zu irgendeinem anderen Platz im Saal. Es war seltsam. Sie wusste nichts über diesen Mann. Nicht seinen Namen, nicht seinen Beruf, nicht einmal, wie seine Stimme klang. Trotzdem freute sie sich darüber, dass er wiedergekommen war.
Nach der Show nahm sie sich vor, noch einmal durch den Saal zu gehen. Vielleicht würde sie ihn diesmal ansprechen. Doch als sie endlich zurückkehrte, war sein Tisch leer. Wieder. Sie schüttelte amüsiert den Kopf. „Na, du bist mir ja einer.“ Dann ging sie nach Hause.
Beim dritten Neumond saß er wieder dort. Diesmal entdeckte sie ihn bereits während ihres ersten Liedes und war überrascht, wie sehr sie sich darüber freute. Sie sang, tanzte, lachte und ließ sich von der Musik tragen. Das Publikum jubelte, die Band spielte eine Zugabe nach der anderen. Doch immer wieder suchte sie seine Augen.
Er betrachtete sie den gesamten Abend. Mal lächelte er, mal hörte er mit ernster Miene zu. Besonders bei ihren Balladen schien er vollkommen in ihre Stimme versunken zu sein.
Während einer langsamen Nummer geschah etwas, das sie selbst überraschte. Sie sang ein Lied über Sehnsucht, über eine Begegnung, die alles verändern konnte, obwohl noch kein einziges Wort gefallen war. Sie hatte dieses Lied schon unzählige Male gesungen. Doch plötzlich fühlte es sich anders an. Ihr Blick fand seinen. Er sah sie an, ohne zu lächeln. Für einige Augenblicke hatte sie das Gefühl, nur für ihn zu singen. Der Saal war voller Menschen, aber sie nahm vor allem ihn wahr. Sein Gesicht, seine Augen und die Art, wie er ihr zuhörte.
Als das Lied endete, senkte sie kurz den Blick, bevor sie sich unter donnerndem Applaus verbeugte. Sie war irritiert. Nicht unangenehm, eher auf eine Weise, die sie seit sehr langer Zeit nicht mehr erlebt hatte.
Nach der Vorstellung beeilte sie sich, ihre Garderobe zu verlassen. Doch als sie an seinem Tisch ankam, war er fort. Sie seufzte. Dann bemerkte sie die Rose. Eine einzelne, tiefrote Rose lag auf der weißen Tischdecke. Keine Karte, keine Nachricht. Nur diese wunderschöne Blume.
Sie nahm sie vorsichtig in die Hand. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Ein heimlicher Verehrer also.“ Sie hob die Rose an ihre Nase und atmete ihren Duft ein. An diesem Abend stellte sie die Blume zu Hause in eine schmale Vase neben ihrem Bett. Und bevor sie einschlief, dachte sie noch einmal an das ruhige Lächeln des Fremden.
Beim vierten Neumond war sein Tisch leer. Sie bemerkte es sofort. Schon während ihres ersten Auftritts hatte sie unwillkürlich zu dem Platz im hinteren Teil des Saales gesehen. Niemand saß dort. Vielleicht kommt er später.
Sie konzentrierte sich auf ihre Show. Die erste Nummer verging, dann die zweite und die dritte. Zwischendurch sah sie immer wieder zu seinem Tisch. Ein älteres Paar nahm dort Platz, später zwei junge Frauen. Schließlich blieb der Tisch unbesetzt. Der Mann kam nicht.
Sie sang ihre Lieder, tanzte mit ihren Partnern und brachte das Publikum zum Lachen. Niemand hätte bemerkt, dass ihre Gedanken gelegentlich abschweiften. Doch während ihrer letzten Ballade spürte sie plötzlich einen kleinen Stich in der Brust. Enttäuschung. Sie war tatsächlich enttäuscht. Wegen eines Mannes, mit dem sie noch nie ein Wort gewechselt hatte. Wie albern ist das denn bitte?
Sie schalt sich innerlich für ihre Gedanken und beendete ihre Show mit gewohnter Eleganz. Der Applaus war überwältigend. Sie verbeugte sich, warf Kusshände ins Publikum und verschwand hinter dem Vorhang.
Später verabschiedete sie sich von ihren Kollegen. „Bis zum nächsten Neumond!“, rief ihr der Bandleader zu. „Und übt fleißig, meine Herren!“, erwiderte sie lachend. Mit ihrer Handtasche über der Schulter machte sie sich auf den Weg zum Ausgang. Dabei kam sie an jenem Tisch vorbei.
Sie warf einen letzten Blick darauf und blieb stehen. Auf der weißen Tischdecke lag eine rote Rose. Daneben ein kleines, dunkelblaues Etui. Langsam trat sie näher. Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
Sie nahm das Etui in die Hand und öffnete es. Darin lag eine wunderschöne Halskette. Eine feine, silberfarbene Kette mit einer einzigen, vollkommen runden Perle. Keine Diamanten, keine aufwendigen Verzierungen. Nur diese eine Perle. Schlicht, stilvoll und wunderschön.
Sie strich vorsichtig mit der Fingerspitze darüber. Was für ein ungewöhnliches Geschenk. Der Mann kannte sie ausschließlich von der Bühne. Er hatte sie in ihren prachtvollen Kleidern gesehen, mit funkelndem Schmuck und aufwendigem Make-up. Und ausgerechnet er schenkte ihr eine so dezente Kette.
Sie betrachtete das Schmuckstück lange. Dann lächelte sie. „Du hast wirklich Geschmack.“ Sie nahm die Rose und das Etui mit nach Hause.
Am nächsten Morgen stand sie im Badezimmer. Ihr Gesicht war ungeschminkt, die dunklen Locken hatte sie zu einem schlichten Zopf zusammengebunden. Auf dem Waschbecken lag das kleine Etui. Sie nahm es in die Hand und öffnete es erneut. Die Perle schimmerte sanft im Morgenlicht.
Vorsichtig hob sie die Kette heraus, legte sie um ihren Hals und schloss den Verschluss. Dann betrachtete sie sich im Spiegel. Die einzelne Perle ruhte knapp unterhalb ihres Schlüsselbeins. Sie lächelte. Es passte. Sie drehte den Kopf ein wenig zur Seite und betrachtete das Schmuckstück aus verschiedenen Winkeln. Die Kette gefiel ihr ausgesprochen gut.
Später, als sie ihre dunkelgrauen Rock, eine cremefarbene Bluse und ihren schlichten Blazer angezogen hatte, betrachtete sie sich erneut. Die Perle passte hervorragend zu ihrem Bürooutfit. Fast, als wäre sie genau dafür ausgesucht worden.
Sie runzelte kurz die Stirn. Ein merkwürdiger Gedanke. Schließlich konnte der Fremde unmöglich wissen, wie sie außerhalb der Bühne aussah. Sie zuckte mit den Schultern. Die Kette war schön, sie stand ihr. Warum sollte sie sie nicht tragen? Also ließ sie sie an.
Wenig später saß sie an ihrem Schreibtisch. Der Computer fuhr hoch, im Flur klapperte der Kopierer, und ihre Kollegen unterhielten sich über das vergangene Wochenende. Alles war wie immer. Nur gelegentlich wanderte ihre Hand zu der kleinen Perle an ihrem Hals. Dann strich sie mit dem Daumen darüber. Und manchmal musste sie dabei lächeln.
Zwei Wochen vergingen.
Es war ein gewöhnlicher Donnerstagnachmittag, als plötzlich Unruhe in der Zweigstelle aufkam. Die Tür zum Eingangsbereich öffnete sich, und ein Mann betrat die Filiale. Herr Prater, der Niederlassungsleiter, sprang beinahe von seinem Schreibtisch auf.
„Mr. Brown! Welch eine Ehre, dass Sie uns besuchen!“
Frau Cassio hob beiläufig den Kopf und erstarrte.
Es war er. Der Mann aus dem Chez Lumière. Der Mann mit dem ruhigen Blick und dem amüsierten Lächeln. Der Mann, der ihr die Rosen und die Perlenkette hinterlassen hatte.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Das kann doch nicht wahr sein. Sie senkte sofort den Blick auf ihren Schreibtisch.
Mr. Brown. Der neue Vorstandsvorsitzende der Versicherungsgesellschaft. Er hatte erst vor wenigen Monaten die Leitung des Unternehmens übernommen und besuchte derzeit die verschiedenen Zweigstellen. Natürlich hatte sie von ihm gehört. Aber sie hatte ihn noch nie persönlich gesehen und sich auch nicht sonderlich für die Fotografien in den internen Mitteilungen interessiert. Bis jetzt.
„Können Sie mir etwas über das hiesige Vertragsvolumen mitteilen?“, fragte er Herrn Prater.
„Selbstverständlich, Mr. Brown! Frau Cassio ist unsere Spezialistin für die Bilanzen. Frau Cassio, kommen Sie doch bitte einmal!“
Sie schluckte. Verdammt. Langsam holte sie tief Luft und erhob sich. Er wird dich nicht erkennen. Warum sollte er auch? Niemand erkannte sie. Auf der Bühne war sie eine glamouröse Erscheinung mit offenen Locken, funkelnden Saphiren und einem atemberaubenden Kleid. Hier war sie eine unscheinbare Angestellte in einer schlichten Bluse.
Sie ging zu den beiden Männern.
„Frau Cassio“, begann Herr Prater eifrig, „das ist Mr. Brown, unser neuer Vorstandsvorsitzender.“
„Guten Tag, Mr. Brown.“
„Guten Tag, Frau Cassio.“
Er lächelte freundlich. Ganz normal, höflich. Sie wagte kaum, ihm in die Augen zu sehen.
„Frau Cassio kann Ihnen eine genaue Aufstellung geben“, erklärte Herr Prater. „Am besten setzen wir uns dafür in den Konferenzraum.“
„Vielen Dank, Herr Prater“, erwiderte Mr. Brown. „Ich denke, Frau Cassio und ich werden das in aller Ruhe allein besprechen können.“
Herr Prater wirkte einen Moment irritiert. „Natürlich. Selbstverständlich. Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung.“ Mit einer höflichen Verbeugung verabschiedete er sich.
Frau Cassio deutete auf den Flur. „Wenn Sie mir bitte folgen möchten, Mr. Brown.“
Sie führte ihn in den Konferenzraum. Er nahm am großen Tisch Platz, während sie ihren Laptop anschloss und die notwendigen Dateien öffnete. Reiß dich zusammen. Sie hatte schon unzählige Präsentationen gehalten. Vor Abteilungsleitern, Wirtschaftsprüfern und externen Beratern. Warum sollte ausgerechnet dieser Mann sie nervös machen?
Sie begann mit ihrer Erläuterung. „Das Vertragsvolumen unserer Zweigstelle ist im vergangenen Geschäftsjahr um 8,3 Prozent gestiegen. Allerdings sollten Sie dabei berücksichtigen, dass ein erheblicher Teil dieses Zuwachses auf die Übernahme eines größeren Firmenkundenbestandes zurückzuführen ist.“
„Interessant.“
Seine Stimme war angenehm tief. Sie klickte zur nächsten Tabelle.
„Wenn wir diesen Sondereffekt herausrechnen, ergibt sich ein organisches Wachstum von ungefähr drei Prozent.“
„Und wie beurteilen Sie diese Entwicklung?“
Sie erläuterte ihre Einschätzung, erklärte die Veränderungen in der Kundenstruktur und ging auf die wirtschaftlichen Besonderheiten der Region ein. Langsam gewann sie ihre gewohnte Sicherheit zurück. Zahlen waren ihr vertraut. Bilanzen verstand sie. Hier wusste sie genau, was sie tat.
Doch während sie sprach, spürte sie seinen Blick. Sie sah kurz auf. Er betrachtete sie. Genau wie damals. Mit diesem ruhigen, aufmerksamen Ausdruck und einem kaum merklichen Lächeln. Ihr wurde warm. Sie wandte sich rasch wieder ihrem Bildschirm zu.
„Wie Sie hier sehen können, hat sich auch die Stornoquote positiv entwickelt.“
„Das sehe ich.“
Sie war sich nicht sicher, ob er tatsächlich auf den Bildschirm geschaut hatte. Dieser Mann macht mich wahnsinnig.
Sie zwang sich zur Konzentration. Die Besprechung dauerte länger als erwartet. Mr. Brown stellte präzise Fragen, interessierte sich für die Hintergründe der Zahlen und ließ sich verschiedene Entwicklungen ausführlich erklären. Er war aufmerksam, sachlich und offensichtlich mit den wirtschaftlichen Zusammenhängen vertraut.
Zu ihrer Erleichterung sprach er ausschließlich über geschäftliche Themen. Keine Anspielung, kein verräterisches Lächeln. Nichts. Vielleicht hatte er sie tatsächlich nicht erkannt.
Als sie schließlich die letzte Tabelle geschlossen hatte, klappte sie den Laptop zu.
„Damit dürften Sie einen vollständigen Überblick über unsere Geschäftsentwicklung haben, Mr. Brown.“
„In der Tat. Vielen Dank, Frau Cassio. Sie haben das ausgezeichnet vorbereitet.“
Beide erhoben sich. Sie begann, ihre Unterlagen zusammenzulegen. Dabei fiel ihr auf, wie still es geworden war. Durch die Glaswand des Konferenzraumes konnte sie in den angrenzenden Bürobereich sehen. Die Schreibtische waren verlassen, die Computer ausgeschaltet. Selbst am Empfang brannte kein Licht mehr.
Ihre Kollegen waren längst im Feierabend.
Sie schluckte. Sie waren allein. Ausgerechnet mit diesem Mann.
Sie nahm ihren Laptop und ging zur Tür. Mr. Brown folgte ihr, überholte sie mit wenigen Schritten und blieb im Türrahmen stehen.
„Frau Cassio …“
Sie sah auf. „Ja, Mr. Brown?“
„Eine Frage hätte ich noch.“
Er stand jetzt sehr nah vor ihr. Nah genug, dass sie seinen dezenten Duft wahrnehmen konnte. Sie hob fragend die Augenbrauen und bemühte sich, ihre plötzlich aufkommende Nervosität zu verbergen.
„Natürlich.“
Doch statt eine Frage zu stellen, hob er langsam die Hand. Ehe sie begriff, was er vorhatte, hatten zwei seiner Finger die kleine Perle an ihrer Halskette umfasst. Ihr Atem stockte. Er berührte sie kaum, und doch war ihr seine Nähe mit einem Mal überdeutlich bewusst.
Sein Blick wanderte von der Perle zu ihrem Gesicht. Dann sah er ihr tief in die Augen. Dieses Mal lächelte er nicht amüsiert. Sein Ausdruck war ruhig, beinahe ernst.
„Wussten Sie, Frau Cassio“, sagte er mit seiner tiefen, warmen Stimme, „dass eine echte Perle sich niemals in ihrer Hülle verstecken kann?“
Er ließ die Perle langsam zwischen seinen Fingern los.
„Sie wird immer hindurchstrahlen.“
Für einen Moment brachte sie kein Wort heraus. Sie starrte ihn an, während ihr Herz so heftig schlug, dass sie beinahe fürchtete, er könnte es hören.
Er wusste es. Nicht nur, wer sie auf der Bühne war. Er hatte sie erkannt. Hier, in ihrer schlichten Kleidung, mit ihrem ungeschminkten Gesicht und den streng zurückgebundenen Haaren.
Und er hatte ihr diese Kette geschenkt. Keine funkelnden Saphire, keine Diamanten, keine extravaganten Kostbarkeiten. Eine einzelne Perle.
Sie öffnete den Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, trat er einen Schritt zur Seite und gab den Durchgang frei.
„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Feierabend, Frau Cassio.“
Das vertraute, leicht amüsierte Lächeln kehrte zurück. Dann ging er.
Sie blieb im Türrahmen stehen, den Laptop fest an ihre Brust gedrückt. Erst als seine Schritte längst verklungen waren, hob sie langsam die Hand zu ihrer Halskette. Ihre Fingerspitzen berührten die Perle.
„Verdammter Mist“, flüsterte sie.
Und lächelte.
Draußen war es bereits dunkel, als sie das Bürogebäude verließ. Sie ging langsam zur Straßenbahnhaltestelle, die Gedanken noch immer bei der Begegnung im Konferenzraum. Sie hatte sich die vergangenen Wochen immer wieder gefragt, wer dieser Mann wohl sein mochte. Ein Geschäftsmann vielleicht, ein wohlhabender Stammgast oder jemand, der beruflich viel unterwegs war und sich gelegentlich einen Abend im Chez Lumière gönnte.
Mit allem hatte sie gerechnet. Nur nicht damit, dass er ausgerechnet der neue Vorstandsvorsitzende ihrer Gesellschaft war.
Sie musste leise lachen. Ausgerechnet mein oberster Chef. Das Leben besaß offenbar einen ausgesprochen eigenwilligen Humor.
An der Haltestelle blieb sie stehen und betrachtete ihr Spiegelbild in der dunklen Scheibe des Wartehäuschens. Die schlichte Bluse, der Cardigan, die zurückgebundenen Haare und die kleine Perle. Langsam strich sie darüber.
Eine echte Perle kann sich niemals in ihrer Hülle verstecken.
Was hatte er damit sagen wollen? Dass er sie erkannt hatte, war offensichtlich. Aber wann? Hatte er sie bereits beim ersten Besuch im Nachtclub gekannt? War er deshalb immer wieder gekommen? Oder hatte er sie erst später zufällig in der Filiale gesehen? Und warum hatte er sie nie angesprochen?
Sie seufzte. Fragen über Fragen. Sie hatte nicht einmal daran gedacht, ihn nach seinem Vornamen zu fragen.
Dann schüttelte sie über sich selbst den Kopf. Natürlich kannte sie seinen Vornamen. Er stand schließlich in jeder zweiten internen Mitteilung.
Sie musste lachen. „Meine Güte, Frau Cassio. Sie sind wirklich vollkommen durch den Wind.“
Als die Straßenbahn einfuhr, stieg sie ein. Die Perle lag warm auf ihrer Haut, und zum ersten Mal seit vielen Jahren freute sie sich nicht nur auf ihren nächsten Auftritt. Sie fragte sich, ob er kommen würde.
Der nächste Neumond ließ noch auf sich warten. Doch eines wusste sie bereits: Wenn sie wieder auf der Bühne des Chez Lumière stehen würde, in ihrem funkelnden Kleid, mit den Saphiren um den Hals und dem Orchester hinter sich, würde sie nach einem bestimmten Tisch Ausschau halten.
Nach einem Mann, der niemals versucht hatte, ihre Aufmerksamkeit zu erzwingen. Der ihr einfach nur zugesehen hatte und der offenbar längst etwas erkannt hatte, das sie selbst für ihr bestgehütetes Geheimnis hielt.
Vielleicht würde er wieder dort sitzen, entspannt zurückgelehnt, mit einem Glas in der Hand und diesem verdammten, leicht amüsierten Lächeln.
Sie lächelte bei dem Gedanken und sah aus dem Fenster der Straßenbahn in die dunkle Stadt.
Noch zwei Wochen bis zum nächsten Neumond.
Und diesmal würde sie ihn nicht einfach verschwinden lassen.
Hinweis: Die Illustrationen zu dieser Geschichte wurden mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Sie dienen der fantasievollen Darstellung der Charaktere und der Atmosphäre der Erzählung.








